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Generalkonsul in Flensburg : „Die letzten Bastionen sind gefallen“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Henrik Becker-Christensen, Dänemarks langjährigster Generalkonsul in Schleswig-Holstein aller Zeiten, über die deutsch-dänische Nachbarschaft

shz.de von
erstellt am 09.Aug.2017 | 16:54 Uhr

Er ist der einzige hauptberufliche Diplomat mit Dienstsitz in Schleswig-Holstein, und diese Position hatte er mit 19 Jahren länger inne als jeder seiner Vorgänger: Henrik Becker-Christensen (67), Generalkonsul des Königreichs Dänemark in Flensburg. Heute würdigt ihn Ministerpräsident Daniel Günther mit dem Verdienstorden des Landes. Kurz vor Schluss seiner Amtszeit Ende August zieht Becker-Christensen im Interview Bilanz über seine Bemühungen um die deutsch-dänische Nachbarschaft.

Herr Becker-Christensen, es gibt wohl kaum einen so intensiven Beobachter des deutsch-dänischen Verhältnisses wie Sie – weil es Ihr Beruf ist. Wenn Sie eine Skala von null bis 100 Punkten zu Grunde legen: Wo stand die Atmosphäre zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein als Sie 1998 angefangen haben und wo steht sie heute?

So etwas ist ja immer schwierig zu sagen, aber okay. Dann sage ich: bei 70 Punkten vor knapp 20 Jahren und heute irgendwo im 90er-Bereich.

Wenn Sie an Ihre Anfangszeit denken – gab es da ein Ereignis, das Ihnen deutlich gemacht hat, wieviel größer als jetzt Vorbehalte zwischen Deutschen und Dänen noch waren?

Wenn ich etwas wirklich Eklatantes benennen soll, muss ich bis in die zweite Hälfte der 80er-Jahre zurückgehen. Da war ich Forschungsleiter des Instituts für Grenzregionsforschung in Apenrade und habe in Eckernförde bei einer rein deutschen Gesellschaft einen Vortrag gehalten. Am Schluss sagte der Vorsitzende zu mir: „Vielleicht können wir ja eines Tages sogar Freunde werden.“ Ich hatte damals schon gedacht, dass wir weiter wären.

Wo begann denn Ihre eigene Freundschaft zu Deutschland?

In den 50er Jahren, als meine Eltern mit mir als Kind Urlaub in Mommark auf der Insel Alsen gemacht haben. Die große Reserviertheit nach dem Krieg war noch stark spürbar. Dennoch waren auch deutsche Feriengäste im selben Hotel. „Denk dran: Wenn sie dich ansprechen, verstehst du kein Deutsch“ haben meine Eltern mir eingetrichtert. Aber ich wollte trotzdem mit den deutschen Kindern spielen. Und habe mich schlau gemacht, was denn auf Deutsch Federballspielen heißt. Und dann haben wir zusammen Federball gespielt.

Die Bundesrepublik hat das Pendant zu Ihrem Haus, das deutsche Generalkonsulat im dänischen Apenrade, 1999 geschlossen. Warum ist Dänemark die Repräsentanz in Flensburg so wichtig?

Die eine Hälfte der Aufgabe besteht darin, Dänemarks Repräsentant gegenüber der dänischen Minderheit südlich der Grenze zu sein. Und Dänemark hat nur eine einzige Minderheit, Deutschland hingegen viele. Das erklärt sicher ein gutes Stück den hohen Stellenwert des Grenzlandes für Kopenhagen. Die andere Hälfte des Amtes besteht darin, Bindeglied zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark zu sein. Und auf diesem Feld hat die Bedeutung des Generalkonsulats nur immer weiter zugenommen.

Wodurch?

Schleswig-Holstein wird in Dänemark als wichtiger empfunden als vor 30 Jahren.

Warum das?

Denken Sie nur an die Infrastruktur und wie abhängig Dänemark etwa von einer funktionstüchtigen Rader Hochbrücke ist. 65 Prozent unserer Exporte über Land rollen über die Jütlandroute. Oder nehmen Sie die Fehmarnbeltquerung und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Vor 20 Jahren kooperierte man nur zwischen den nationalen Hauptstädten. Heute gibt es eine sehr viel engere Verbindung zwischen Kopenhagen und Kiel.

Wodurch hat sich denn in Kopenhagen die Erkenntnis eingestellt, dass das praktischer ist? Durch Sie?

Nicht nur durch mich. Aber auch durch mich. Ich habe allein im letzten Jahr 56 Berichte über aktuelle Themen in Schleswig-Holstein ans dänische Außenministerium geschickt, jeweils zwei bis drei Seiten lang.

Was sehen Sie als die größten Fortschritte im Laufe Ihrer Amtszeit?

Dass Deutsche und Dänen die Gedenktage an ihre Kriege jetzt gemeinsam begehen: seit dem Jahr 2000 denjenigen an die Schlacht bei Idstedt 1850 und seit 2004 denjenigen an das Gefecht bei Oeversee 1864. Damit sind die letzten Bastionen gefallen. Vorher hat man hinter den Bäumen gelauert und gewartet, bis die andere Seite mit ihren Kränzen fertig war. Obwohl es doch um dieselbe Vergangenheit geht.

Wieviel haben Sie dazu beigetragen?

Als es da in Vorgesprächen zu einem gemeinsamen Idstedt-Gedenken auf dänischer Seite noch ein paar Bedenken gab, ob man diesen letzten Schritt gehen solle, habe ich zugeraten.

Aber es hat in Ihrer langen Amtszeit durchaus auch geknallt zwischen deutscher und dänischer Seite. Was empfanden Sie als Tiefpunkt?

Natürlich gab es auch Verknotungen, und das auf beiden Seiten der Grenze. Das größte Problem, mit dem ich zu tun hatte, war am 26. Mai 2010 die Nachricht, dass die damalige Landesregierung aus CDU und FDP die Schulen der dänischen Minderheit nur noch zu 85 statt 100 Prozent bezuschussen wollte. Das bedeutete 4,7 Millionen Euro weniger für die Schulen und einen großen Rückschritt für das deutsch-dänische Minderheitenmodell.

Sie haben viele Hebel in Bewegung gesetzt, damit es doch nicht so kam.

Es wurde in Kopenhagen sehr schnell zu einer politischen Angelegenheit. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass Minderheitenpolitik auch Außenpolitik ist. Das sollten sich auch die Politiker klarmachen, die südlich des Kanals gewählt worden sind. Aber letzten Endes bin ich sehr froh, dass die Kanzlerin sich kooperationswillig gezeigt hat und der Bund zwei Jahre lang die geringeren Landesmittel ausgeglichen hat. Und dass später nach vielen Gesprächen mit leitenden Personen bei der Landes-CDU auch dort eine Kehrtwende kam. Auch der jetzige Ministerpräsident ist sehr positiv in diese Sache eingestiegen. Den Beweis hat die CDU ja endgültig erbracht, als sie 2014 der neuen Landesverfassung zugestimmt hat, die den dänischen Schulen gleichberechtigte Zuschüsse sichert.

In letzter Zeit mehren sich Stimmen, die glauben: Der Zenit der deutsch-dänischen Zusammenarbeit bei konkreten Projekten sei überschritten.

Es ist wie in einer Nachbarschaft unter Menschen. Mal kann es sehr intensiv sein, und dann gibt es auch wieder Perioden mit weniger Kontakt. Es gibt Schwankungen. Man soll sich nichts vormachen und glauben, wir hätten jetzt für alle Zukunft ein intensives Niveau erreicht. Man muss sich bemühen, ständig. Ich hoffe, dass das auch jüngere Generationen von Politikern verinnerlichen. Stets in Kontakt zu sein, bringt auch den Vorteil mit sich, dass man sich nicht unnötig aufregt, wenn die eine oder andere Aussage kommt, die sich auf eine ferne Vorzeit bezieht und nicht zu unserer Zeit der Verständigung passt. Dann sagt man einfach: Wir machen weiter.

Sie meinen zum Beispiel Äußerungen aus der Dänischen Volkspartei, dass man dort von einer Grenzverschiebung an die Eider träume?

Zum Beispiel. Aber wenn es darum geht, sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen, meine ich auch die Behauptung, Dänemark schade mit Grenzkontrollen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Die hängt doch nicht davon ab, ob man ein oder zwei Minuten länger braucht, um rüberzufahren. Zu Österreich hat Deutschland auch Grenzkontrollen eingeführt.

Aber es steckt doch Psychologie darin, anhalten zu müssen.

Ja, sicher. Dass man es als symbolischen Rückschlag sehen kann, okay. Aber dass es die Zusammenarbeit beschädigen soll, ist Quatsch.

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