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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Die Kinderstube des Arbeiter-Bauvereins

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

40 Pfennig Mitgliedsbeitrag pro Woche: 1878 gründen 277 Flensburger den FAB – heute Deutschlands älteste aktive Baugenossenschaft.

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erstellt am 24.Feb.2015 | 16:45 Uhr

Flensburg | Im Jahr 1878 kratzt die wachsende Industrie- und Hafenstadt Flensburg erstmals an der 30  000-Einwohner-Grenze. Industriearbeiter werden seinerzeit vornehmlich in den Höfen untergebracht. Wenngleich für Flensburg in dieser Zeit keine ausgesprochene Wohnungsnot überliefert ist, ist die Gründung des Flensburger Arbeiter-Bauvereins (FAB) doch im Zusammenhang der Anstrengungen dieser Zeit zu sehen, die Wohnungsknappheit der Industriestandorte zu lindern. „Motor und Initiator ist Peter Christian Hansen gewesen, der vom damaligen Oberbürgermeister Toosbüy die Möglichkeit bekam, in seiner Heimatstadt über den Arbeiterwohnungsbau vorzutragen“, erzählt der heutige FAB-Chef Michael Kohnagel. Arbeitersohn Peter Christian Hansen ist gerade 25 Jahre alt, hat bereits Studienreisen nach Paris, London, Stockholm oder Kopenhagen hinter sich, als er im Jahr 1878 eine Broschüre unter dem Titel „Baut Arbeiterwohnungen!“ herausgibt. Bereits zuvor sammelte er als Redaktionsgehilfe bei den Flensburger Nachrichten erste journalistische Erfahrungen.

Der Vorgänger des FAB, der Flensburger Arbeiter-Verein, sei noch ein reiner Geselligkeitsverein gewesen: „277 trugen sich bei der Gründungsversammlung in die Liste des FAB ein“, berichtet Kohnagel. Darunter waren 150 Arbeiter, aber auch 27 Kaufleute und 22 Beamte. Der wöchentliche Mitgliedsbeitrag betrug 40 Pfennig. Die Hoffnung der Arbeiter auf Zuweisung von Wohnraum in einem der neu gebauten Häuser war groß, wenngleich der Erfolg nicht sehr wahrscheinlich. Schließlich entstanden im ersten Jahrzehnt der Bautätigkeit kaum mehr als 30 Häuser.

Die Arbeiterhäuser der Gründerzeit hatten meist 30 bis 40 Quadratmeter und zwei bis drei Zimmer je Geschoss plus Küche und Nebenraum. Vorbild der frühen Bauten war der englische „Cottage-Stil“, zweigeschossige Doppel- oder Reihenhäuser mit kleinem Vorgarten, Hofplatz und Garten. In der mittleren Kanzleistraße (Foto oben) oder in der Voigtstraße ist diese Struktur bis heute erhalten. Dass die Mieter in den Gärten noch Gemüse anbauten, sei An der Reitbahn, an der Schwalben- und Terrassenstraße bis vor 20 Jahren zu beobachten gewesen.

Gebaut wurde meist mit vielen Mitgliedern an mehreren Häusern zugleich und erst danach zugelost, wer welches Haus mit Glück ergattern konnte. Niemand sollte eine Schaufel Zement oder Gips zu viel für den eigenen Keller abzweigen. In der frühen Welt des FAB hatte sich der Hauptmieter im Erdgeschoss meist ein Jahrzehnt lang zu bewähren und konnte danach Immobilie und Bank-Darlehen samt Mietern von der Genossenschaft übernehmen. Durch Bau und Weiterverkauf gelang es in den frühen Jahren kaum, ein Kapitalpolster zu bilden. „Man erkennt aus dem Studium der Unterlagen sehr viel Idealismus“, sagt Michael Kohnagel: „Die Genossenschaft musste aus sich selbst wachsen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als 40  000 Flüchtlinge auf 65  000 Einwohner in Flensburg trafen, entstanden in den 1950er, 60er und 70er Jahren die meisten FAB-Neubauten: Peter-Christian-Hansen-Weg, Schulze-Delitzsch-Straße, Rude, Marienallee oder Waldstraße.

Heute zählt der FAB knapp 2500 eigene Wohnungen und 3500 Genossen, außerdem verwaltet er 2000 fremde Wohnungen. Deutschlands älteste noch aktive Wohnungsbaugenossenschaft will noch in diesem Jahr Haus 3 und 4 „Auf der Canzeley“ fertigstellen. Danach folgen Haus 5 und zwei Studentenhäuser weiter unten am Sandberg.

 

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