Langballig : Die hohe Kunst der Pädagogik

Prof. Dr. Menno Baumann mit den Organisatorinnen der Lehrerfortbildung Karin Sacht (li.) und Dr. Gudrun Philip.
Prof. Dr. Menno Baumann mit den Organisatorinnen der Lehrerfortbildung Karin Sacht (li.) und Dr. Gudrun Philip.

An der Fortbildung zum Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht haben fast 100 Lehrer teilgenommen.

shz.de von
02. Februar 2018, 13:25 Uhr

Am Ende der Stunde stand im Klassenbuch „Unterricht war nicht möglich“. Das war der erfahrenen Lehrerin in mehr als 30 Jahren Berufspraxis noch nicht vorgekommen. Ein Junge hatte 45 Minuten lang den Unterricht „gesprengt“. Solche Vorfälle nehmen zu und so befassten sich fast 100 Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter der Grundschulen in Gelting, Kappeln, Karby, Langballig, Munkbrarup, Satrup und Sörup mit dem Thema.

Zu einer ganztägigen Fortbildung hatten Gudrun Philip, Leiterin der Regenbogenschule in Satrup, und Karin Sacht als Konrektorin der Grundschule Langballig in die dortige Aula eingeladen. Als Referent stellte Menno Baumann die Grundlagen der Arbeit mit der Hoch-Risiko-Klientel „Systemsprenger“ im Unterricht vor. Der Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf ist Bereichsleiter einer Jugendhilfeeinrichtung in Oldenburg. Dort an der Universität leitet er auch ein einschlägiges Forschungsprojekt.

Nach Überzeugung von Baumann bedeutet Inklusion nicht, dass alle Schüler im selben Klassenraum denselben Unterricht erhalten. „Es gibt Kinder, die brauchen phasenweise speziellen Unterricht.“ Er spricht sich dafür aus, Regelschulen generell zu stärken, allerdings mit neuen Konzepten und mit flexiblen Systemen. Wichtig sei zudem die weitere Qualifizierung der Lehrkräfte in Form von Aufbaustudiengängen nach einem Mindestmaß an praktischer Erfahrung.

15 Prozent der Kinder in Deutschland sind nach Baumanns Aussage verhaltensauffällig, drei Prozent hoch unterstützungsbedürftig. Die Quote der Totalblockierer liege unter einem Prozent. Kinder mit massiven Auffälligkeiten bräuchten Experten. „Die hohe Kunst in der Intensivpädagogik besteht darin, dem Kind das Recht auf Gefühle zuzugestehen und ihm dabei Sicherheit zu geben.“

In der Intensivpädagogik seien Konfliktsicherheit und Verhaltensreflektion ebenso erforderlich wie Konsequenz, Kontinuität, Flexibilität und Verständnis. „Wichtig sind aber auch der (emotionale) Schutz und die Sicherung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, nicht zuletzt durch die Vorgesetzten.“ Hinzu kämen soziale Gruppenarbeit sowie Netzwerkpflege mit Schule, Eltern und Behörden.

In der abschließenden Aussprache ging es um den rechtlichen Rahmen, in dem sich Lehrer bewegen, und die oft herrschende Unsicherheit im Umgang mit Schülern. Kritisiert wurde, dass ein Eingreifen meist erst möglich werde, „wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“. Baumann forderte in diesem Zusammenhang die Abkehr von fallbezogener Unterstützung. „Dabei renne ich nur hinterher! Vorhandene Finanzmittel sollten vielmehr systemisch eingesetzt werden.“ Alles andere sei volkswirtschaftlich unsinnig. Die durch zu niedrige Personalschlüssel zunächst eingesparten Kosten fielen später an anderer Stelle an.

Lehrerin Susann Hansen von der Grundschule Munkbrarup nahm aus der Veranstaltung den hohen Wert des Informationsaustausches im Kollegium und der Offenheit gegenüber den Eltern mit. Ein von Baumann verwendetes Beispiel habe gezeigt, dass bei verhaltensauffälligen Kindern das Wissen um deren Entwicklungsgeschichte und familiären Hintergründe wichtig sei. Diesen Gesichtspunkt unterstrich auch Mitorganisatorin Sacht und verwies auf die Erkenntnis, das Beheben einer Verhaltensstörung brauche erfahrungsgemäß genauso viel Zeit wie ihr Entstehen. Insgesamt sprach sie von einem lehrreichen Tag in entspannter Atmosphäre mit vielen eindrucksvollen Fallbeispielen.



zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen