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Flensburger Tageblatt

22. Oktober 2017 | 00:12 Uhr

Praxis ohne Grenzen : Die Helfer der Hilflosen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Praxis ohne Grenzen erwartet deutlich mehr Patienten mit Start der Erstaufnahmeeinrichtung. Das Angebot für Nicht-Versicherte besteht seit zwei Jahren.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2015 | 08:00 Uhr

Flensburg | Als bemerkenswert fällt Hannelene Gersen auf Anhieb die junge Frau aus Osteuropa ein, die schlecht aussah, als sie in die Praxis ohne Grenzen kam. Mehrere Infektionskrankheiten diagnostizierte der ehrenamtliche Arzt bei der Osteuropäerin. Doch Helferin Gersen erinnert sich, dass sie sofort dachte: „Jetzt ist der Frau adäquat und gut geholfen worden. In ihrem Heimatland wäre sie untergegangen.“

Seit zwei Jahren öffnet die Praxis ohne Grenzen mittwochs um 15 Uhr für eine Stunde im Gesundheitshaus in der Norderstraße für Menschen, die keine Krankenversicherung haben. „Wir rechnen damit, dass, wenn die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Flensburg da ist, mehr Patienten kommen werden“, sagt Dr. Martin Oldenburg. Der Arzt ist Mitglied im Vorstand und zweiter Vorsitzender des Trägervereins „Gesundheit gemeinsam gestalten“, der insbesondere in der Flensburger Neustadt wirkt.

Von Beginn an zählt Hannelene Gersen zu den sechs bis acht Helfern, die die neuen Patienten in Empfang nehmen und für den Arzt Wissenswertes aus dem Vorgespräch notieren. Beruflich arbeitet die Krankenschwester im Chefsekretariat der Urologie der Diako. „Man spendet Zeit“, sagt Gersen über ihr Ehrenamt.

Oldenburg schätzt, dass bislang jeweils bis zu drei Patienten die wöchentliche Sprechstunde aufsuchen. Beispielsweise seien darunter Menschen, die als Selbständige beruflich gescheitert seien, Schulden haben und sich ihre private Krankenversicherung nicht mehr leisten können. Oder aber Menschen, die mit der Verwaltung ihres Lebens überfordert seien und der Papierflut nicht mehr Herr werden. Oldenburg weiß von Menschen, die ihre Briefe schlicht nicht mehr öffnen und schon mal übersehen, dass sie doch eine Krankenkasse haben, die ihnen eine neue Versichertenkarte geschickt hat.

All das interessiert aber beim Erstkontakt mit den Ärzten und Helfern der Praxis zunächst nicht. „Wir wollen erstmal die Menschen medizinisch versorgen, und dann fragen wir, wo sie herkommen“, erklärt Oldenburg die Idee, die im Lande unter dem Pionier Dr. Uwe Denker von Bad Segeberg aus Schule gemacht hat. „Das sind auch Schicksale“, sagt Oldenburg. Die Patienten kämen zumeist mit schweren, oft inneren Erkrankungen, schon mit Symptomen wie Gewichtsabnahme oder Haarausfall. „Und man ist der einzige Strohhalm.“

Das eine Anliegen sei dann, akut zu helfen. Ein anderes aber auch, „die Menschen in ein geordnetes System der Gesundheitsversorgung zu bringen“, betont Martin Oldenburg, der früher die Gesundheitsdienste der Stadt Flensburg leitete und seit anderthalb Jahren für beide Krankenhäuser als Hygieniker tätig ist. In der jungen Geschichte der Flensburger Praxis ohne Grenzen sei es sogar schon gelungen, einen sich illegal in Deutschland aufhaltenden Patienten zu bewegen, einen Asylantrag zu stellen, erinnert sich der Arzt. Zugleich nimmt er die Angst, dass Daten an ein Amt herausgegeben werden könnten. „Es gibt keine organisatorische Verbindung“, betont er, die Stadt sei bestenfalls „ideeller Träger“. Oldenburg geht fest davon aus, dass der Bedarf für das Angebot – kostenlose Diagnose, Behandlung und Weitervermittlung der nicht-versicherten Patienten – vor allem aufgrund der erwarteten Flüchtlinge steigen wird. Er erwartet auch, dass dann „Folgen von Schussverletzungen“ oder Krankheiten wie Tuberkulose zu behandeln seien.

Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz haben Asylsuchende einen Anspruch auf medizinische Versorgung, weiß Pastor Wolfgang Boten. Allerdings sei im Gesetz die Rede von akuten Leiden im Unterschied zu chronischen, und damit entfiele bei bestimmter Lesart etwa die Behandlung von Multipler Sklerose bei einem Flüchtling. Boten ist Rektor und Vorstand der Flensburger Diako. Auf seine Initiative ging seinerzeit die Einrichtung der grenzenlosen Praxis im Gesundheitshaus zurück. Damit die Neuankömmlinge aus aller Welt überhaupt von dem Angebot erfahren, werde ein dreisprachiger Flyer (auf Deutsch, Englisch und Arabisch) herausgebracht, sagt Boten. „Wenn durch Asylsuchende der Bedarf steigt, würden wir auch zwei Stunden Sprechstunde anbieten – das erwarten wir“, stellt er in Aussicht. Anders als bisher werde allerdings das Medikamentenlager zurückgefahren, berichten Boten und Oldenburg. Die Medikamentenaufsicht sei zu rigide, und es habe sich als praktikabler erwiesen, die Mittel bei Bedarf zu kaufen. Zugleich wünscht sich Pastor Boten, dass Wege gefunden werden, dass nicht Millionen von Arzneimitteln vernichtet werden müssen.

Seine Rückschau auf die zwei Jahre des Bestehens fällt positiv aus: „Es gibt kaum eine Praxis ohne Grenzen, die so gute Rahmenbedingungen vorfindet“, sagt Boten mit Blick auf „schöne Räume“, keine Mietkosten, geringe Verwaltungskosten und ein gutes Netzwerk zu Niedergelassenen, wenn mal ein Spezialist gefragt ist. Außerdem hält er einen frischen Förderbescheid vom Land in den Händen – über 44  688,64 Euro.

 

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