Lindewitt : Die Helden der Landstraße

Sie sind froh, dass bei der Geburt am Straßenrand alles gut gegangen ist: Marco Magnussen (von links), Daniel Döring, Nina Döring mit Bonnie, Lea Petersen und Nele Petersen.
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Sie sind froh, dass bei der Geburt am Straßenrand alles gut gegangen ist: Marco Magnussen (von links), Daniel Döring, Nina Döring mit Bonnie, Lea Petersen und Nele Petersen.

Die Schwestern Nele und Lea Petersen sowie Marco Magnussen halfen Nina Döring bei der Geburt ihrer Tochter.

shz.de von
28. Januar 2018, 10:14 Uhr

Friedlich schlummert die gerade mal zwei Wochen alte Bonnie in den Armen ihrer Mutter. Jetzt ist es kaum zu glauben, aber dieses tiefenentspannte Baby hatte es besonders eilig, auf die Welt zu kommen und das dann auch noch am Straßenrand zwischen Großenwiehe und Wanderup. In die Flensburger Diako hatten es Vater Daniel Döring und Mutter Nina nicht mehr rechtzeitig geschafft und so wurden Marco Magnussen (34), Nele (21) und Lea Petersen (19) zu Geburtshelfern.

Jetzt sind die drei nach Lindewitt gekommen, um die Familie das erste Mal nach der Geburt zu besuchen und von den bewegenden Minuten an der L 12 zu berichten. Von dem ganzen Trubel lässt sich der Säugling nicht beeindrucken. Ganz anders sieht es da bei den drei Helfern aus. Ihre Gesichter leuchten, wenn sie von dem Donnerstag vor zwei Wochen sprechen.

Doch von vorne: Eigentlich hatte der 11. Januar ganz ruhig begonnen, erzählt Nina Döring. Die 30-Jährige war schon mit Wehen aufgewacht: „Die waren aber noch nicht so schlimm. Also haben wir die Tasche gepackt und uns etwas Zeit gelassen“, sagt die dreifache Mutter. Doch gegen 8.30 Uhr ging es richtig los. Die Wehen kamen im Abstand von vier Minuten. Die Mutter wusste: Jetzt muss es schnell gehen. „Wir haben unseren jüngsten Sohn gepackt und ihn quasi vor der Haustür der Großeltern in Kleinwiehe rausgeschmissen.“ Nur schnell in die Diako. Die Stimmung im Auto war angespannt. Kurz hinter Großenwiehe musste Daniel Döring anhalten: „Nina schrie nur noch: Sie kommt jetzt“, erinnert er sich. Viel gedacht habe er in diesem Moment nicht. „Ich habe am Straßenrand gehalten, bin ausgestiegen und habe ihr geholfen, die Hose auszuziehen.“

Zur gleichen Zeit waren die Schwestern Nele und Lea Petersen unterwegs zur Berufsschule nach Flensburg, als ihnen das Auto mit eingeschalteter Warnblinkanlage auffiel. „Ich finde es ganz normal, dass man dann nachfragt, ob man helfen kann“, sagt Nele Petersen. Der panische Blick von Daniel Döring habe Bände gesprochen. „Er antwortete nur: Meine Frau bekommt ein Baby im Auto. Gleichzeitig hörten wir die Mutter laut schreien.“

Die Schwestern fackelten nicht lange. „Ich habe sofort einen Notruf abgesetzt“, sagt Nele Petersen. Der Mitarbeiter in der Harrisleer Leitstelle gab präzise Anweisungen, was zu tun war und alarmierte einen Rettungswagen sowie Notarzt. „Ich sollte schauen, ob die Frau ansprechbar ist.“ War sie. Und so nahm die Geburt ihren Lauf. Mit Nele Petersen am Telefon, die die Anweisungen an Daniel Döring weitergab. Eine stressige Situation: „Daniel sagte: Der Kopf kommt. Ich schrie ins Telefon: Der Kopf kommt.“ Nur der Mann am anderen Ende der Leitung blieb ruhig.

In der Zwischenzeit hatte auch Marco Magnussen angehalten. „Ich dachte, es sei ’ne Panne“, sagt er. Schnell erklärte ihm Lea Petersen aber, dass im Auto gerade ein Kind geboren wurde. „Ich habe dann das Warndreieck ausgepackt, die Autos abgesichert und Decken aus meinem Auto geholt.“ Die wurden auch dringend gebraucht, denn um 9.03 Uhr – nur zwei Minuten nach dem Notruf – kam Bonnie zur Welt. „Als sie dann auch noch leise zu schreien begann, ist uns allen ein Riesen-Stein vom Herzen gefallen“, erzählt Lea Petersen und atmet auch heute noch tief durch.

Die Helfer wickelten das Baby in die Decken und warteten auf den Rettungswagen, der nach wenigen Minuten den Geburtsort erreichte. Die Sanitäter waren über den guten Ausgang bereits über Funk informiert worden. „Die hatten ein fettes Grinsen im Gesicht, als sie ausstiegen – so wie wir alle“, sagt Marco Magnussen.

Nele und Lea Petersen machten sich auf den Weg in die Schule. Marco Magnussen blieb noch, bis der Notarzt eintraf. „So ein Erlebnis verändert das Leben“, sagt Lea Petersen zwei Wochen danach. „Ich habe zwei Tage lang immer wieder geheult, weil mich das Ganze so berührt hat.“ Auch die Zukunftspläne der 19-Jährigen haben sich verändert: „Es war so toll, bei so einer Geburt dabei sein zu dürfen. Ich möchte jetzt Hebamme werden.“

Inzwischen haben alle Beteiligten die Geburt gut verdaut. Nur mit der Angabe des Geburtsortes gibt es ein kleines Problem. „Der Standesbeamte muss erst mal recherchieren“, erzählt Daniel Döring. „Wie wäre es denn mit den Koordinaten?“, schlägt Lea Petersen vor.

Markiert ist die Stelle schon – Familie Döring hat am Straßenrand einen hölzernen Storch aufgestellt. „Es stehen überall so viele Kreuze, warum nicht auch mal ein Storch?“

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