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Flensburger Architektur : Die Häuser der gut Betuchten

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Architektur in Flensburg: Ab 1796 ließen Unternehmer und Führungskräfte in den Vierteln der Innenstadt aufwendige Villen bauen.

shz.de von
erstellt am 12.Aug.2015 | 14:30 Uhr

Flensburg | Im Juni erschien ein neuer, kompakter Architekturführer für die Stadt Flensburg, der auf 170 Seiten einen Überblick vermittelt, was die Stadt an herausragenden Bauwerken und Kulturdenkmälern vorweisen kann. Die beiden Autoren Henrik Gram und Eiko Wenzel haben mit den Augen von Architekten und Denkmalpflegern die Objekte ausgewählt und beschrieben, die nach ihrer Meinung die Baukultur in der Fördestadt prägen. Eiko Wenzel gibt in einer zehnteiligen Serie im Flensburger Tageblatt einen Überblick über den Inhalt dieses neuen Buches.

Die Möglichkeit für die Entwicklung des Bautypus der Villa entstand in Flensburg erst mit der Freigabe der Bebauung außerhalb der Stadtmauern ab 1796. Zuvor war herrschaftliches Wohnen in einem Landhaus nur auf einige wenige Adelssitze begrenzt: Erhalten ist zum Beispiel der Adelssitz der Familie Reventlow, erbaut um 1717 und im 19. Jahrhundert als „Margarethenhof“ zur Fabrikantenvilla der Eisengießerei N. Jepsen Sohn umgebaut.

Die Industrialisierung um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist dann auch der Motor für die Entwicklung einer Villenarchitektur. In der Regel waren es Unternehmervillen, die entweder in direkter Nachbarschaft zur Fabrikationsstätte – insbesondere in der Neustadt – oder in bewusster Trennung dazu – vornehmlich auf der Westlichen Höhe – entstanden.

Zu den frühen Unternehmervillen gehört die um 1849 für George Dittmann erbaute Villa der 1842 gegründeten Eisengießerei Dittmann & Jensen (Neustadt 38). 1856 wurde die zur Hefefabrik und Brennerei gehörige Villa C.C.Christiansen (Neustadt 56) im klassizistisch-neugotischen Stil erbaut. Aus preußischer Zeit stammt eine andere Neustädter Fabrikantenvilla: 1899 wurde von Alexander Wilhelm Prale das Direktorenhaus der Walzenmühle im Stil der „Hannoverschen Neugotik“ erbaut.

Die 1855 an der Meisenstraße in freier Landschaft für den Eisenbahndirektor Poulsen errichtete Villa „Sollie“ ist bei einem Bombenangriff 1943 stark zerstört worden. Sie entstand nach der Planung des dänischen Architekten Gottlieb Bindesbøll. Da sie in ihren einfachen Formen und mit ihrem Reetdach auf die ländliche, regionale Architektur Bezug nahm, war sie ein in Dänemark vielbeachtetes Gegenmodell zu den historisierenden Villen derselben Entstehungszeit.

Auf der Westlichen Höhe stehen zwei Villen, die der dänische Stadtbaumeister Laurits Albert Winstrup als private Bauvorhaben plante: 1852/53 für den Stadtsekretär Justizrat Hargens die Turmvilla im Stil der italienischen Renaissance am Südergraben, die später zum „Lutherhaus“ umgenutzt wurde. Und 1854 dann die klassizistische Villa des Eisenbahndirektors Louth an der Reepschlägerbahn (Nr. 34), die später zur Klinik (Dr. Dunckelmann) umgebaut wurde.

Fast unübersehbar vielfältig wird dann der Villenbau in der preußischen Zeit. Insbesondere an Wrangel-, Roonstraße und Marienhölzungsweg und in den angrenzenden Bereichen der Westlichen Höhe entstehen Villenbauten des Historismus, nach 1900 im Jugendstil und in Heimatschutzarchitektur, nach 1918 dann auch im expressionistischen Stil. Die Wrangelstraße mit ihrer Kopflindenallee und dem historischen Straßenquerschnitt ist ein beeindruckend geschlossenes, späthistoristisches Villenensemble. Eine Besonderheit ist die Fachwerkvilla des Architekten H. V. Fügel an der Reepschlägerbahn (Nr. 38, 1894/95).

Zu den schönsten Jugendstilvillen der Stadt gehört das Jens-Jessen-Haus an der Selckstraße, erbaut 1903/04 von Architekt Gustav Willrath und kürzlich aufwändig instandgesetzt.

Um die Zeitreise durch die historischen Flensburger Villenbauten abzuschließen, sollte man den westlichen Teil des Marienhölzungsweges besuchen: Hier stehen unter anderem zwei Villen des Architekten Georg Rieve, dem jüngeren Bruder des Stadtarchitekten Theordor Rieve, die besonders schöne expressionistische Formen zeigen – Nr. 59 mit fantasievollen Fenstersprossen (1922), Nr. 77 (1926) mit einem ellipsenförmigen Portal.

Henrik Gram/Eiko Wenzel, Zeitzeichen. Architektur in Flensburg, hrsg. von der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein, dem Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein, der Stadt Flensburg und dem Verein Flensburger Baukultur e.V., erschienen im Verlagshaus Leupelt, Handewitt, 2015, ISBN 978-3-943582-11-6, 14,80 €.



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