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Harry Rowohlt im Interview : Die Gefahr, in der Wanne zu lesen

vom

Am Mittwoch überhäuft Harry Rowohlt sein Flensburger Publikum wieder einmal mit Literatur: Um 19 Uhr bittet er zur Lesung ins Deutsche Haus. Wir trafen ihn zuvor am Telefon.

shz.de von
erstellt am 08.Nov.2011 | 06:06 Uhr

Welches Buch lesen Sie denn gerade, Herr Rowohlt?
Gar keins. Ich habe so viel zu tun. Statt im Bett zu lesen, übersetze ich. Bin gerade eben mit meinem 172. Buch fertig geworden. Das heißt, noch nicht ganz. Ich muss noch einen kleinen Nachklapp von Eric Idle ankleben.
Um welches Buch handelt es sich?
"Autobiographie eines Lügners" von Graham Chapman, das ist der von "Monty Python", der sich zu Tode gesoffen hat.
Sie selbst trinken ja seit einigen Jahren keinen Alkohol mehr. Fällt es Ihnen schwer, auf Whiskey zu verzichten?
Ach, das werde ich alles am Mittwoch im Deutschen Haus erklären. Ich habe Polyneuropathie und schiebe deshalb seit einschließlich dem 26. Juni 2007 stramme Ethanol-Karenz, und der Neurologe, der mir das nie zugetraut hätte, hat gesagt, in dem Fall dürfe ich mir durchschnittlich vier Mal pro Jahr gepflegt die Kante geben. Seitdem habe ich natürlich immer ne Heidenangst, dass ich den Termin verpasse.
Sie schreiben, Sie übersetzen, Sie lesen: Welche dieser Tätigkeiten ist Ihnen am liebsten?
Außerdem quatsche ich noch Hörbücher voll und spiele in einer beliebten Vorabendserie einen Nichtsesshaften. Das sind insgesamt fünf Jobs, und ich erhole mich immer bei einem von den übrigen vieren. Ich finde immer am wichtigsten das was ich gerade mache.
Literaturtipp?
"So was von da" von Tino Hanekamp und "Der Hals der Giraffe" von Judith Schalansky.
Und irgendetwas aus dem englischsprachigen Raum?
Von Julian Gough "Jude: Level 1". Judas erste Ebene heißt das auf Deutsch. Das gibt es bisher nur auf Englisch.
Was ist Ihre nächste Übersetzungsarbeit?
Das weiß ich noch nicht. Drei Krimis von Ken Bruen stehen noch aus und drei Kinderbücher von Andy Stanton. Da weiß ich nicht was zuerst dran ist.
Sie sind ja nicht zu einer Lesung in Flensburg, sondern auch in der Jury der Kurzfilm...
Ja, haben Sie einen Augenblick Zeit? Dann erkläre ich Ihnen eben, warum ich besonders beseligt bin, weil das alles im Deutschen Haus stattfindet. Nach meiner allerersten Lesung in Flensburg erhob sich der längst pensionierte mitveranstaltende Buchhändler und sagte (mit näselnder Stimme und breitem Akzent): "Da war vor vielen Schahren Ernst Rowohlt bei uns in Flensburg und dann er ßo schön Gras gefressen, und dann war’n wir noch ßo schön im Deutschen Haus einen ßaufen und es war eine Sternstunde. Und dann war Heinrich Maria Ledig-Rowohlt bei uns in Flensburg und dann hast er ßo schön Purzelbaum geschossen und dann war’n wir noch ßo schön im Deutschen Haus einen ßaufen, und es war wieder eine Sternstunde. (Bei "Sternstunde" stolpert Harry R. über einen spitzen Stein.) Und jetzt, lieber Harry Rowohlt, ßind ßie bei uns in Flensburg, und nun haben Sie ßo schön vorgelesen, und fürs Deutsche Haus ist nun n büschen spät, aber es war wieder eine Sternstunde." Und immer wenn ich in Flensburg war, war das Deutsche Haus schon zu, und diesmal wird es geknackt!
Sind Sie häufiger mal in einer Jury und müssen sich stundenlang Filme ansehen?
Ich war ja früher immerhin mal Filmkritiker bei der "Zeit" und habe bereits über das 6. Festival des lateinamerikanischen Films in Havanna berichtet, im Dezember 1985. Da habe ich 124 Filme gesehen und 124 Filmkritiken geschrieben, von denen die meisten leider weggeschmissen wurden, weil der S. Fischer Verlag gerade sein Gelbes Programm vorstellte, und da musste eine halbe Seite frei geräumt werden. Seitdem fällt es mir schwer, Filmkritiken zu schreiben, die länger als vier Zeilen umfassen. Ich kann es, aber ich finde es eigentlich unnötig. Außerdem war ich vor vier Jahren in Baden-Baden beim 20. Fernsehfilm-Festival in der Jury, voriges Jahr in Leipzig beim Leipziger Hörspiel-Sommer. Da habe ich allerdings versagt.
Wieso versagt?
Ich bin zwar ein sehr geläufiger Gutfinder und Schlechtfinder, kann meine Meinung aber nie richtig begründen. Das heißt, ich kann sie prima begründen, aber meine Begründungen sind immer zu kurz und zu verständlich. Und wenn die Leute was verstehen, glauben sie einem kein Wort. Wenn man das nicht stundenlang in irgendwelchem Seminaristen-Welsch vor sich hin labert, glaubt einem wie gesagt kein Schwein ein Wort.
Haben Sie schon mal ein Buch am Kindle gelesen?
Am was?
Ein Kindle ist ein elektronisches Lesegerät.
Ach so. Nein, natürlich nicht. Ich bin leider zu blöd für den Computer und glücklicherweise nicht blöd genug für n Handy. Ich finde, Bücher sollte man auch im Freien lesen können, wenn die Sonne scheint, und man sollte sie auch in der Badewanne lesen können. Da lese ich allerdings keine Hardcover, dazu sind mir Bücher zu heilig. Auf diese Weise bin ich übrigens fast mal in der Badewanne ertrunken, weil ich einen Krimi von Mathews und Klugmann gelesen habe, in dem ich plötzlich vorkam. Da stützte ich mich vor Schreck nicht mehr mit den Füßen ab und bin rückwärts untergegangen, aber habe das Buch hoch gehalten. Dem sieht man nichts an.
Was können denn die Zuhörer am Mittwoch von Ihnen erwarten?
Ich weiß das vorher nie genau. Ich stell mich immer vor der Lesung vor die Tür, um Passanten den Arm umzudrehen, nur so kriegt man die Hütte voll, und dabei entsteht dann langsam ein Programm. Aber ich weiß ziemlich genau, dass im zu Anfang etwas aus einem Kinderbuch von Andy Stanton vorlesen werde, dann eigenen Kleinscheiß, nach der Pause erzähle ich drei bis vier Witze, singe drei Hymnen, noch ein bisschen eigenen Kleinscheiß und dann kommt der ganz große Knaller, und wer vorher geht, kann mir jetzt schon Leid tun. Allmählich werde ich selbst gespannt.

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