zur Navigation springen

Mensch des Jahres 2015 : Die Freiwilligen vom Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Netzwerk, in einer Nacht geknüpft: Seit zwei Monaten organisieren Flüchtlingshelfer den Transit nach Schweden – und vieles mehr.

shz.de von
erstellt am 11.Nov.2015 | 11:00 Uhr

Flensburg | Die meisten waren zufällig am richtigen Ort – und machten einfach das, was sie gut können: So kam es, dass Ratsherr Heinz-Werner Jezewski eine Dreiersteckdose besorgte und Strom verlegte, weil Mobiltelefone geladen werden mussten. Und so kam es, dass andere rasch Brote schmierten, weil erschöpfte und hungrige Flüchtlinge nach ihrer Reise einmal diagonal durch Europa im Flensburger Bahnhof gestrandet waren. Leute brachten Getränke, Kleider, es kamen Flensburger aller Herren Länder dazu, die übersetzen konnten. Sie hatten ganz schnell ganz vieles, nur keinen Leiter. „Man kann die Kinder nicht frieren oder die Leute verwirrt am Bahnhof stehen lassen“, sagt Katrine Hoop, eine der Initiatorinnen von Refugees welcome Flensburg, der Flüchtlingshilfe vom Bahnhof, die mit Hilfe von Volksbad, Sportpiraten, Jugendzentrum AAK oder Kühlhaus so rasend schnell dieses Netzwerk knüpften.

Es war der 9. September, ein Mittwoch, am frühen Abend, als ganz normale Flensburger zu Aktivisten wurden: „Ich las den Aufruf bei Facebook. Wir waren mitten im Umzug“, erinnert sich Daniela Weickert-Thümmel (42). Buggies und Kleidung waren besonders gesucht. Da dachte die Mutter von vier Kindern: „Wir haben doch noch so viel.“ So kam es, dass Weickert-Thümmel gegen acht, halb neun am Bahnhof eintraf: „Da war eine Riesenwelle der Hilfsbereitschaft, und wir waren zuerst völlig überfordert mit der Situation.“ Ihr sei wichtig gewesen, dass der Buggy an eine Familie geht – und die Kleidung an Leute, die wirklich nichts hatten.

Da sie mit ihren Mann selbstständig ist, kann sie sich ihre Arbeitszeit einteilen – und hilft nun seit zwei Monaten immer morgens und abends. Auch Nicolas Jähring (31), der in Pattburg arbeitet und Dänisch spricht, ist Bahnhofshelfer der ersten Stunde. Auch er hat zwei Kinder. Die Familie habe die ehrenamtliche Hilfe von Anfang an mitgetragen. Nicht selten haben die Helfer vom Bahnhof am Anfang zwölf Stunden und länger gearbeitet, die ersten Nächte hat manch einer einfach durchgeholfen.

Nach der ersten Nacht, die viele Geflohene im Bahnhofstunnel verbracht hatten, hatten sich jede Menge Lebensmittel, Windeln und Kleidungsstücke angesammelt. „Und dann haben wir angefangen zu sortieren.“ Es war der Beginn der Kleiderkammer, berichtet Weickert Thümmel: „Wir haben einfach gefragt, und dann hat die Bahn den Raum aufgeschlossen.“ Seitdem ist das jahrelang verborgene Reich hinter den Schließfächern Kleiderkammer.

Und weil sich zunächst keiner verantwortlich gefühlt habe, fingen Freiwillige sogar mit Schrubber und Feudel an, den Bahnhof samt Toilette zu putzen.

Mittlerweile ist vieles besser geregelt – Ehrenamt und städtische Feuerwehr arbeiten Hand in Hand, die Bahn kooperiere, und die Arbeit der Polizei geschehe „auf Augenhöhe“.

Die ehrenamtlichen Helfer und Übersetzer indes kommen längst nach Dienstplänen, die eine Woche in Voraus existieren. Und wenn etwas fehlt, wird es auf der Facebook-Seite „Refugees welcome Flensburg“ angefragt – und von der Zahncreme über Kinderwagen bis zu Sackkarren meist binnen Stunden von Spendern vorbeigebracht.

Wie lange das noch gut geht? Niklas Jähring glaubt, dass der Atem noch lange reicht – und danach könne das Netzwerk als Verein weiterleben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen