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Prozessauftakt : „Die Frau hat ihr Baby sterben lassen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Totes Kind lag zehn Jahre in einer Kühltruhe: Mutter aus Großenwiehe muss sich vor dem Flensburger Landgericht verantworten

von
erstellt am 29.Jan.2014 | 00:31 Uhr

Sie ließ ihr Baby gleich nach der Geburt sterben, wickelte den kleinen Körper in ein Handtuch und einen Müllsack und versteckte ihn dann in einer Kühltruhe. Das ist die Kernaussage von Staatsanwalt Dieter Chlosta, der gestern vor der Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts eine ebenso kurze wie erschütternde Anklage gegen eine 50-jährige Mutter verlas. Die Frau soll an einem Abend irgendwann zwischen 2002 und 2004 zu Hause in Großenwiehe (Kreis Schleswig-Flensburg) auf ihrem Sofa gesessen und ein Buch gelesen haben, während ihr Mann und die drei Kinder bereits schliefen. Dann sollen plötzlich Presswehen eingesetzt haben. Sie habe ohne fremde Hilfe ein gesundes kleines Mädchen zur Welt gebracht und die Nabelschnur mit einer zufällig in Reichweite liegenden Haushaltsschere durchtrennt. Später soll die Frau das Kind in die Kühltruhe gesteckt haben. Zu diesem Zeitpunkt, so der Staatsanwalt, war das Mädchen bereits tot. Wie es dazu kommen konnte, erläuterte er später auf Nachfrage: „Die Rechtsmedizin hat keine Spuren äußerer Gewalt feststellen können. Die Frau hat sich nach der Geburt nicht um ihr Kind gekümmert und es so sterben lassen.“ Dieter Chlosta erläuterte, sie habe sich alleingelassen und überfordert gefühlt. Die Anklage lautet auf Totschlag wegen Unterlassens. „Ohne, dass sie eine Mörderin ist“, so der Staatsanwalt.

Die Befragung der Angeklagten zu ihrem psychischen Zustand fand auf Weisung des Gerichts unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Schilderungen aus dem persönlichen Lebensbereich seien schutzwürdig, befand Richter Michael Lembke. Bei der Beschreibung der Tatumstände berief sich die Frau auf Erinnerungslücken. Sie wisse, dass Wehen einsetzten. „Danach kann sie sich erst wieder daran erinnern, das Wohnzimmer gesäubert zu haben“, sagte Staatsanwalt Chlosta. In der Verhandlung hatte die Angeklagte erklärt, sie sei unsicher gewesen, ob sie schwanger war. Im Nachhinein aber seien die Kindsbewegungen wohl ein Indiz gewesen. Nach der Geburt habe sie nicht gewusst, an wen sie sich wenden könne. Das Vertrauensverhältnis zu ihrem Mann sei zerstört gewesen.

Zur Aufklärung darüber, was vor rund zehn Jahren in Großenwiehe wirklich geschehen ist, trug auch der geschiedene Mann der Angeklagten nicht bei. Zur Überraschung des Gerichts verweigerte er die Aussage zu den Ereignissen, nachdem er sich bei der Befragung durch die Polizei im Sommer 2012 noch ausführlich geäußert hatte. Damals lebte der heute 51-Jährige bereits einige Jahre getrennt von seiner Frau. Sie war 2009 ausgezogen, er blieb in der Doppelhaushälfte mit seinen Kindern zurück – und einem schrecklichen Geheimnis. Die Babyleiche in der Kühltruhe entdeckte er erst 2012, als er das Gerät ausräumte.

Die Verhandlung wird morgen am Flensburger Landgericht mit der Befragung von Polizeibeamten fortgesetzt.

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