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Berufe im Handwerk : Die Flensburger Turbo-Job-Testerin

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Charlotte Stanke probiert bis Weihnachten für das Handwerk 44 verschiedene Berufe in Betrieben in ganz Deutschland aus.

shz.de von
erstellt am 28.Okt.2017 | 07:36 Uhr

Charlotte Stanke hat bis zum Jahresende eine Chance, die sich den meisten jungen Leuten nie eröffnet: Die 20-jährige Flensburgerin darf alle drei Tage einen anderen Beruf an einem anderen Ort in Deutschland kennenlernen. Zusammen mit dem Hamburger Marvin Möller schnuppert sie als „Rekordpraktikantin“ im Auftrag des deutschen Handwerks in 44 Betriebe rein. Schnupperkurse gab es unter anderem schon beim Dachdecker, Elektroniker, Buchbinder, Bootsbauer, Zahntechniker, Bestatter und Glasveredler.

Bis gestern praktizierten Charlotte und Marvin zwei Tage in der Landbäckerei Bechthold-Stange im hessischen Wehretal. Station 27 von 44, Beruf Bäcker und Konditor. Wer am Praktikantenleben und den kleinen Glücksmomenten der Berufsfindungsphase teilhaben möchte, kann auf Facebook und Instagram dabei sein. Dabei sind die Weisheiten, die ab zwei Uhr nachts beim Baguette-Kneten in der Backstube verbreitet werden, nicht immer große Philosophie: „Zum Glück gibt’s die Brötchenpresse.“ Manchmal aber eben doch: Bei Instagram berichten beide vom komischen Gefühl, beim Bestatter einen Toten zu sehen.

Marvin und Charlotte, die schon ein Austauschjahr in Amerika hinter sich hat, sind selbst noch auf Berufssuche. Es könnte einer im Handwerk werden. Einmal legt das Turbotester-Duo einen Stopp bei Rofia Kloska im Rostocker Fischereihafen ein. Dort lernen die beiden die Arbeit eines Seilers kennen. Erste Überraschung für Marvin: „Ich dachte, ein Seiler macht nur Seile – und nicht auch Netze.“ Als aktuellen Lieblingsjob gibt Charlotte dort zu Protokoll: „Ich favorisiere momentan die Fotografie.“

Der folgende Montag bringt ihre persönliche Berufe-Rangliste dann schon wieder durcheinander – die begeisterte Reiterin darf in der Sattlerei Hennig im brandenburgischen Haage mitarbeiten. Für ihr Pferd zu Hause in Flensburg hat sie schon in der Seilerei ein Futternetz gewebt. „Wir bekommen auch immer wieder Lehrangebote bei den Betrieben“, verrät die 20-Jährige. Für Marvin war zuletzt Ofenbauer der Favorit.

Dass manch ein Lehrherr die beiden interessierten Abiturienten am liebsten behalten möchte, verwundert kaum: Das Handwerk sucht über alle Gewerke hinweg Fach- und Nachwuchskräfte, sagt Generalsekretär Holger Schwannecke vom Zentralverband des Handwerks (ZDH). Das liege an der guten Konjunktur, an der sinkenden Zahl junger Menschen – und der großen Beliebtheit des Studiums. Die duale Berufsausbildung müsse wieder mehr als echte Alternative thematisiert werden, findet er.

Charlotte hat sogar noch einen Beruf mit Traumjob-Potenzial gefunden, im sächsischen Trebsen: „Beeindruckend fand ich den Beruf als Raumausstatter, das war für mich bisher der vielseitigste Beruf“, sagt sie zu den zwei Tagen dort. Natürlich hat sie in bislang 27 Betrieben nicht nur Traumhaftes gesehen: „Ganz ehrlich, die Berufe auf dem Bau sind nichts für mich. Die Arbeit ist für mich körperlich zu anstrengend.“ Obwohl das Praktikum beim Uhrmacher super gewesen sei, könne sie sich den Beruf nicht so recht vorstellen: „Geduld ist nicht so meine Stärke.“

Welche Erkenntnis die Absolventin des Alten Gymnasiums sonst noch gewonnen hat? „Dass ich vielseitiger bin als ich dachte. Damit meine ich, dass ich schnell Neues erlerne und mich für Dinge begeistern kann, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.“

Welche Berufe und Betriebe Charlotte und Marvin als nächstes erwarten, ist immer eine Überraschung. Alle weiteren Stationen auf dem Roadtrip erfahren die beiden Abiturienten immer erst kurz vorher. Am Montag geht es beim Metallbauer und „Zerspanungsmechaniker“ weiter – beide in Hessen.

Worauf sie sich mit Blick auf den weiteren Verlauf der Tour am meisten freut? „Darauf, südlich des Weißwurst-Äquators zu sein: Ich liebe Weißwurst.“

Direkt nach dem Rekordpraktikum will sie erstmal auf Reisen im Ausland. Für die weitere Zukunft interessiere sie ein duales Studium, also Uni und Lehre. „Auf das Praktische möchte ich nämlich nicht verzichten.

>facebook.com/dierekordpraktikanten

>instagram.com/dierekordpraktikanten

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