Die "Elektrische" nach Mürwik

<dick>Foto mit Seltenheitswert:</dick> Auf der Bismarckbrücke überquert ein Straßenbahnzug der Linie 3 das Tal der Nordstraße. Links von der Nordstraße Bauten der Kleinbahn und Häuser am Unteren Lautrupsweg.
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Foto mit Seltenheitswert: Auf der Bismarckbrücke überquert ein Straßenbahnzug der Linie 3 das Tal der Nordstraße. Links von der Nordstraße Bauten der Kleinbahn und Häuser am Unteren Lautrupsweg.

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19. Oktober 2010, 06:43 Uhr

Flensburg | Als sie erst unter Strom gesetzt und die alte Pferdebahn aufs Abstellgleis geschoben war, wuchs das Netz der Flensburger Straßenbahn Schritt für Schritt. Wie die Ringe eines Baumes legten sich die Stadtteile um die Innenstadt - die "Elektrische" sicherte eine schnelle Verbindung ins Zentrum, dazu preisgünstig. Kein Wunder, dass auch in den Dörfern Engelsby, Fruerlund, Twedt und Twedterholz, als sie vor über hundert Jahren mit der Stadt Flensburg über die Eingemeindung verhandelten, der Wunsch nach einer Straßenbahnlinie aufkam. Realistisch war diese Idee allerdings nur für einen Stadtteil, der sich vor hundert Jahren erst noch entwickeln sollte: Mürwik.

Die wachsende Zahl von Marine-Dienststellen brachte immer mehr Soldaten, die nicht verpflichtet waren, in der Kaserne zu wohnen. Viele von ihnen suchten sich für ihre Familien Wohnungen in Engelsby, Fruerlund und Twedterholz. Wegen der miserablen Straßenverbindung war Flensburg keine Alternative. Das änderte sich erst mit dem Bau von Bismarckstraße, -brücke und Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Mürwiker Straße). Mit dem Straßenbau begann auch das rasante Wachstum Mürwiks.

Im Eingemeindungsvertrag heißt es: "Es ist zwischen Flensburg und Mürwik eine Straßenbahn einzurichten und zu unterhalten, sobald diese in Verbindung mit den anderen städtischen Straßenbahnlinien ohne erhebliche Zuschüsse betrieben werden kann. Für die Zwischenzeit verpflichtet sich die Stadtgemeinde, auf die Herstellung einer guten Schiffsverbindung inzuwirken. Die Straßenbahn ist in der Art anzulegen, dass auch der Gemeinde Engelsby es tunlichst ermöglicht wird, dieselbe zu benutzen.

Zumindest der erste Teil des Vertragstextes wurde Wirklichkeit. Von der Hauptstrecke zwischen Ostseebad und Bahnhof ließ die Straßenbahndirektion einen Abzweiger anlegen: direkt am Südermarkt, in die Angelburger Straße hinein. Nach der Durchfahrt mit starker Steigung erreichte die "Elektrische" den Hafermarkt. Gemächlich ging es weiter den Berg der Bismarckstraße hinauf. Nach der Fahrt über Jürgensby wurde die Brücke passiert und danach rollte die Straßenbahn bereits durch Fruerlund. Bilder der alten Mürwiker Straße zeigen eine Anlage mit Anspruch: Unter Ulmen war Platz für die zweispurige Straße, abgetrennt von einer weiteren Reihe der großen Bäume verlief die Gleistrasse der Straßenbahn, wieder mit einer Reihe Ulmen begrenzt. Durch ganz Mürwik rollte die Bahn - Endstation war die Haltestelle kurz vor der Kelmstraße. Am 9. Februar 1912 wurde die Linie 3 eingeweiht. Damit hatten die Soldaten der Marine und speziell der neuen Marineschule eine ausgezeichnete Verbindung in die Stadt. Je größer Mürwik wurde, desto besser war die Linie ausgelastet. Allerdings: Vom Wachstumsschub nach dem Zweiten Weltkrieg - vom Ausbau Fruerlunds und dem Neubauboom in Mürwik - konnte diese Straßenbahnverbindung nicht mehr profitieren. Der zunehmende Autoverkehr forderte mehr Platz. Am 15. September 1957, in der Nacht zu einem Sonntag, wurde die Linie 3 auf Busbetrieb umgestellt. Am Sonnabend Vormittag zuvor nahmen die Soldaten Abschied. Im Zehn-Minuten-Takt rollten sieben Bahnen zur Endhaltestelle. Dort warteten Abordnungen der Mürwiker Marinedienststellen mit Präsentkörben, die sie den Fahrern und Schaffnern überreichten. Die traurige Stunde wurde untermalt mit wehmütigen Weisen, gespielt von einer Marinekapelle. Überliefert ist der Shanty "Rolling home".

Kurze Zeit später rissen Bagger an Bismarck- und Mürwiker Straße die Gleise aus dem Untergrund. Die einstige Trasse wurde zu einem Sandstreifen planiert, auf dem die Autos der benachbarten Anwohner abgestellt werden konnten. Eine moderne Lösung - eine vom Autoverkehr unbehinderte Straßenbahnlinie - wurde für Parkplätze geopfert. Die verschwanden dann beim Ausbau der beiden Straßen.

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