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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 21:51 Uhr

Prozessauftakt : Die dunkle Seite des Ahmad H.

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Beim Auftakt im Mordprozess um die brennenden Häuser an der Exe kündigt der Angeklagte für Mittwoch eine Erklärung an.

shz.de von
erstellt am 19.Mai.2014 | 23:00 Uhr

Natürlich. Man sieht ihm die Vorwürfe nicht an. Untersuchungshäftling Ahmad H. schlurft auf leisen Sohlen fast beiläufig in den Schwurgerichtssaal und nimmt zwischen Dolmetscher und Verteidigern Platz, der Blick schweift fast sanftmütig über den Tisch der Nebenklage mit den drei Anwälten. Einer vertritt seine ehemalige Partnerin, einer ihren Sohn, ein anderer die Schwester. Der Weiße Ring ist vertreten, daneben sitzt der psychiatrische Gutachter Dr. Klaus Friemert. Dies ist der Ort, an dem es in den nächsten Verhandlungstagen um die dunkle Seite des 49-jährigen Angeklagten gehen wird. Staatsanwalt Björn Dellius hat in seiner Anklage eine Menge aufgelistet: Gefährliche Körperverletzung, Brandstiftung, Mordversuch.

In der Nacht des 19. November soll H. beschlossen haben, die seit Monaten in ihm schwelende Wut über die Trennung von seiner Partnerin in ein Fanal zu verwandeln. Nachts um vier ging er ins Haus Zur Exe 4, wo die Frau mit ihrem Sohn wohnte. Er kippte Brandbeschleuniger vor ihre Wohnungstür im dritten Stock, danach ging er auf dem Dachboden und goss Benzin genau dort aus, wo eine Etage tiefer die Wohnung der Ex-Partnerin lag. Er zündete das Feuer und verschwand. Noch heute ist es für die Berufsfeuerwehr ein kleines Wunder, dass all die schlafenden Menschen die Flucht schafften. Dass sein Mordanschlag auf die ehemalige Freundin all diese Menschen mit in den Tod reißen konnte, sei ihm bewusst gewesen, meint Dellius. Das habe H. billigend in Kauf genommen.

Der Anschlag macht noch etwas anderes sichtbar. Er macht sichtbar, wie nahe manch ein Stalking-Opfer an der Grenze zwischen Leben und Tod wandelt. Denn als Ahmad H. Feuer legte, hatte seine ehemalige Partnerin offenbar schon eine lange Zeit der Leiden und gezielten Nachstellungen hinter sich. Die Beziehung war endgültig im Juli 2013 an häuslicher Gewalt gescheitert. Die Frau hatte Schluss gemacht, H., der nach islamischen Recht noch mit einer weiteren Frau verheiratet ist, hatte nicht losgelassen. Es sei häufiger vorgekommen, dass ihr Auto auf platten Reifen stand, heißt es. Es gab Telefonterror, es gab polizeiliche Wegweisungen, und es gab auch dies. Am 16. September. An diesem Tag, so Dellius, habe H. seine Partnerin und deren Schwester unter einem Vorwand in seine Wohnung gelockt. Er habe einen islamischen Geistlichen bei sich, habe er gesagt. Um die sechs Jahre zuvor in Dänemark geschlossene Verbindung zu lösen. Aber da war kein Geistlicher. In der Wohnung in der Kleinen Sophienstraße wartete Ahmad H. mit einem Beil. Und einer Pistole. Es kam zum Kampf. Die Schwester konnte die Attacke mit dem Beil abwehren, wurde am Arm und am Schlüsselbein verletzt. Die Lebenspartnerin erwischte es schlimmer. Sie bekam schwere Schläge mit dem Pistolenknauf auf den Kopf. Die Frauen konnten entkommen. Sie zeigten Ahmad H. an. Aber er blieb auf freiem Fuß. „Dass die Brandstiftung diese Vorgeschichte hatte, war uns gar nicht bewusst“, meinte Dellius gestern. „Das war damals alles noch in der polizeilichen Bearbeitung.“

Am ersten Verhandlungstag gestern blieb es bei der Verlesung der Anklage. Für Mittwoch (ab 9.15 Uhr) kündigte H.’s Anwalt Michael Gubitz eine Einlassung seines Mandanten an. Bislang hatte Ahmad H. zu den Ereignissen und den Tatvorwürfen geschwiegen.

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