Audimax Flensburg : „Die Deutschen haben einen naiven Blick auf Europa“

Was interessiert mich mein Manuskript? Sigmar Gabriel hielt eine freie, assoziative Rede im Audimax.
Was interessiert mich mein Manuskript? Sigmar Gabriel hielt eine freie, assoziative Rede im Audimax.

Ex-Außenminister Sigmar Gabriel desillusionierte mit seinen Thesen eingeschworene Europa-Fans

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29. April 2018, 12:31 Uhr

Es begann mit einem „little Brexit“: Der britische Dozent Alan Piper musste mit seinen Studenten den Hörsaal verlassen, um Platz zu machen für Europa und den deutschen Politiker Sigmar Gabriel. Der ging später auch auf den großen Brexit ein, konnte nichts Gutes an ihm finden, sondern sah in ihm eine entscheidende Schwächung Europas.

Zum Auftakt der Reihe „Gespräche zu Europa“ hatte die Universität mit dem früheren Außenminister gleich einen Hochkaräter eingeladen – mit entsprechendem Sicherheits- und Polizeiaufgebot. Gabriel hatte eine Rede mitgebracht, das Manuskript aber gar nicht erst aufgeschlagen, sondern seinen Gedanken zu Deutschland, Europa und der Welt freien Lauf gelassen. „Wer die Rede haben möchte, dem schicke ich sie gern zu“, sagte er am Ende in seiner bekannten, leicht schnodderigen Art.

Zuvor hatte er wohl vor allem den jüngeren Besuchern im voll besetzten Audimax so manche Illusion geraubt – die vom Europa als Werte-Union, als Kontinent der offenen Grenzen und des jahrzehntelangen Friedens.

Die Dualität von Werten und Interessen zog sich durch seinen Vortrag, der erstaunlich wenig Widerspruch im Auditorium hervorrief. 50 Jahre früher wäre jeder Politiker für diese Gedanken und Thesen von den Studenten zumindest ausgebuht worden. Das heutige Europa sei nicht aus idealistischen Gründen, sondern aus harten Interessen heraus gegründet worden. Die Welt werde derzeit von Interessen dominiert, nicht von Werten. Gerade die Deutschen hätten einen relativ naiven Blick auf Europa, „weil es uns saugut geht“.

Hinter die Entscheidung Deutschlands vor einigen Jahren, im Syrien-Konflikt nicht einzugreifen, setzte er ein Fragezeichen. Dort stehe man jetzt vor einem Desaster. Andere wie Russland und Iran haben dort gehandelt und ihre Interessen vertreten. Gabriel warnte vor einem großen Bedeutungsverlust, vor dem Europa stehe; dieser Prozess werde durch Uneinigkeit noch forciert. „Viele in der Welt schauen auf Europa, ob man mit denen noch rechnen kann“, so Gabriel. Und: „Wer keine Macht mehr hat, wird nicht nur von den Mächtigen nicht akzeptiert, sondern auch von den Ohnmächtigen nicht.“

Europa müsse lernen, seine Interessen zu definieren. Die USA, China, Russland, die Türkei – sie alle lassen sich von ihren Interessen leiten. „Wir brauchen eine stärkere europäische Interessenpolitik nach außen“, und die, so Gabriel, entstehe nicht im europäischen Parlament, sondern zwischen den Hauptstädten. Europa werde scheitern, wenn man darauf bestehe, alle Staaten auf eine gemeinsame Wertebasis einzuschwören.

Es sei wichtig, sich immer in die Position der anderen zu versetzen. Italien und Griechenland denken anders als Deutschland. Mit seinem Grenzzaun, provozierte der Politiker, setzte Viktor Orban letztlich europäisches Recht um, er sichere die Schengen-Außengrenzen. Auch dieser Satz blieb ohne Widerspruch.

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