100 Jahre Eingemeindung : Die Bahn in der Engelsbyer Villa

<dick>'Windloch': </dick>Die Engelsbyer Kate war einst Dorfkrug, später der Bahnhof Engelsby und ist heute ein Restaurant an der Einmündung Neuer Weg/Engelsbyer Straße.
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"Windloch": Die Engelsbyer Kate war einst Dorfkrug, später der Bahnhof Engelsby und ist heute ein Restaurant an der Einmündung Neuer Weg/Engelsbyer Straße.

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18. Mai 2010, 05:27 Uhr

Flensburg | Den Weg in den Louvre wird dieses Kunstwerk wohl nicht finden - noch nicht einmal auf den Flensburger Museumsberg. Aber es ist bemerkenswert: Ein verborgener Schatz, ein Stück Stadtgeschichte, es gehört zur Engelsbyer Geschichte - und es wirft einen Blick zurück auf ein längst geschlossenes Kapitel Flensburger Verkehrsgeschichte.

Der erste Eindruck ist kolossal. Das liegt an den gewaltigen Ausmaßen des Werkes: zwei Meter breit und einen Meter hoch. Seine Unterkante liegt etwa auf der Augenhöhe eines Erwachsenen. Der Betrachter muss den Kopf in den Nacken legen, um das Bild zu erfassen - so erhält das Anschauen einen Hauch von Ehrfurcht. Nicht unbedingt beim Blick auf den Namenszug des Malers: Wilhelm Scheel.

In den überlieferten Erzählungen rund um das Bild ist die Rede davon, dass Scheel Malermeister war, der angeblich beim einstigen Besitzer der Villa noch eine Rechnung offen hatte. Um sie zu begleichen, malte er die Engelsbyer Straße.

Verborgener Schatz: Frei zugänglich ist das Gemälde nicht. Es wurde vor einem Jahrhundert, im Jahr der Eingemeindung, auf eine Wand im Flur des Hauses Engelsbyer Straße 44 gemalt. "Dieses Bild ist auf ewig mit diesem Haus verbunden", sagt sein Besitzer Fikri Kenis, der hier mit seiner Frau Hatice wohnt. Er hat damit in doppelter Hinsicht Recht. Denn das Gemälde zeigt nicht nur das Haus Engelsbyer Straße 44 zu Kaisers Zeiten, als Wandgemälde hat es seinen festen Platz.

Die Verkehrsgeschichte: Im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert entschied sich der damalige Kreis Flensburg für den Bau einer Kleinbahn, um der Bevölkerung Angelns zuverlässige Verkehrsverhältnisse zu bieten. Die Kleinbahn fuhr von 1886 bis 1953. Typisch: Der Streckenverlauf wurde so gewählt, dass die Trasse immer zum Gasthof im nächsten Ort geführt wurde, der damit Bahnhof war und der Wirt nebenamtlicher Bahnbeamter.

Nach Engelsby kam die Bahn entlang des Lautrupsbaches. In Höhe der heutigen Richard-Wagner-Straße bog sie ab zur Engelsbyer Straße ein, der Straße nach Glücksburg. Ganz nach dem Kleinbahnprinzip war der Dorfkrug Windloch Bahnhof geworden - heute italienisches Restaurant, früher Diskothek "Pony".

Die Verkehrssituation in der Engelsbyer Straße mit der von Maler Scheel so verniedlicht gemalten Eisenbahn war eng, sodass die Gleise beim großen Umbau ab 1911 in Richtung Norden rutschten - die heutige Bundesstraße 199, die in den 1950er Jahren überwiegend auf der alten Kleinbahntrasse entstand.

Die Stadtgeschichte: Der Bau der Kleinbahn war Voraussetzung dafür, das das Bauerndorf Engelsby kräftig wuchs. Die Bahn machte es möglich, schnell aus dem Dorf nach Flensburg zu kommen.

Das gab etlichen betuchten Flensburgern den Anstoß, sich eine Villa in der ländlichen Idylle zu bauen. Aus den großen Fenstern der Häuser fiel der Blick früher auf die Felder rund um Engelsby-Dorf. Die Reihe dieser Villen zog sich von der Kreuzung Adelbyer Kirchenweg bis zum heutigen Neuen Weg.

Bei dieser Entwicklung und der Suche von Mürwiker Marinesoldaten nach Wohnraum in Engelsby - und nicht in Flensburg - lag es nahe, das Dorf in die Überlegungen zur Eingemeindung mit einzubeziehen. So kam es, 1910 setzte Gemeindevorsteher Johannes Mangelsen seine Unterschrift unter den Vertrag mit der Stadt Flensburg. Außer dem Bahnhof, dem alten Gemälde und einigen historischen Fotos erinnert heute nichts mehr an die Kleinbahn in Engelsby.

Dass das Bild noch lange erhalten bleibt, dafür sorgt die Familie Kenis:" Als ich es das erste mal sah, hatte ich Skrupel es überhaupt anzufassen", schildert der Hausherr. Mittlerweile wird es durch zwei Deckenstrahler schön in Szene gesetzt. Auch einen Umbau im Flur überstand das Bild problemlos.

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