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Historisches Dampfschiff : Die „Alex“ lässt es kesseln

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Historischer Salondampfer erhält einen Dampfkessel für 600 000 Euro. Gestern stellten sich die ersten Bewerber für den Austausch vor.

shz.de von
erstellt am 18.Aug.2015 | 08:00 Uhr

Nägel mit Köpfen: Es waren keine Kesselflicker, die gestern tief in den Bauch der „Alexandra“ hinabstiegen. Sondern Operateure, die das Herz des Kulturdenkmals als Ganzes herausschneiden oder durch ein neues ersetzen sollen. Eine Transplantation mit Tücken. Denn für die Entnahme des 23 Tonnen schweren Dampfkessels muss der halbe Rumpf des historischen Salondampfers geöffnet werden.

Die Leidensgeschichte der Flensburger alten Dame begann vor zwei Jahren. Es gab einen kräftigen Schuss vor den Bug. Denn der kohlebefeuerte, mit 105 Jahren älteste zur See fahrende Kessel Nordeuropas bestand die Tüv-Prüfung nicht. 14,5 bar lasteten auf dem Korpus, als eine Niete dem Druck nicht länger standhielt. Wasser konnte entweichen. Durchgefallen!

„Die Belastung war außerordentlich hoch – der Arbeitsdruck liegt lediglich bei acht bis zehn bar“, relativiert Günter Herrmann, Nachfolger von Chefkapitän Wolfgang Weyhausen, der mit 74 Jahren im September auf seine letzte Fahrt gehen wird und aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet. Aber es half alles nichts. Der Dampfer musste zunächst aus dem Verkehr gezogen werden. „Das war für uns das Signal, dass das Herz des Schiffes irgendwann zu schlagen aufhört“, sagt Herrmann.

Nachdem der leck geschlagene Dampfkessel für 30  000 Euro durch eine Schweißnaht abgedichtet und das Schiff damit wieder fahrtüchtig war, entschied sich der Vorstand des Fördervereins, den Patienten einer Radikalkur zu unterziehen: Ein neuer Kessel muss her, ein Original-Nachbau, um den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht zu werden, der für die Maßnahme 200000 Euro springen ließ – ein Drittel der erforderlichen Gesamtsumme, die jetzt mit Hilfe von Rücklagen und Förderern komplett gestemmt werden kann. Eine anonyme Einzelspende von 50  000 Euro war dem nicht abträglich.

Die Bewerbungsfrist für die aufwändige Maßnahme läuft. Gestern stellten sich die ersten Kandidaten vor und inspizierten die Lage – „eine Werft und eine Kesselbaufirma, beide von der Westküste“, wie Hermann wenig verklausuliert durchblicken lässt. Um den Kessel in einem Stück herauszuhieven, müssen alle Leitungen gekappt, das Dach auf mindesten neun Quadratmetern geöffnet, der Schornstein abgebaut und die holzgetäfelten Seitenwände schonend entfernt werden. „Es gibt wahnsinnig viel zu bedenken“, sagen der Kapitän und Frank Petry, 2. Vorsitzender des Fördervereins, unisono. Das Gute daran aber sei, dass der massive Eingriff nun zeitlich gesteuert werden könne und der Kessel nicht dem Schicksal überlassen sei. Ginge er während der Saison perdu, „würde das wegen der fehlenden Einnahmen den Verein und das Schiff kaputt machen“.

Viele Gewerke werden beteiligt sein: vom Tischler über den Metallbauer bis hin zum Elektriker. Noch wartet der Verein auf weitere Angebote, in denen auch die Ausbesserung korrodierter Stellen im Schiffsrumpf enthalten sein soll. Das Zeitfenster für die Arbeiten ist ab Oktober geöffnet. Zur Rum-Regatta, also Himmelfahrt 2016, soll das Schiff wieder aus der Werft geholt werden – aus welcher, wird in zwei Wochen feststehen.

Die alte, drei Meter lange Kesselanlage soll nach Absprache mit der Stadt auf der Pier an der Schiffbrücke ausgestellt werden und somit der Öffentlichkeit dauerhaft erhalten bleiben. „Und wir hoffen, dass wir den Kostenrahmen nicht sprengen“, blickt Hermann optimistisch nach vorn. Dann zuckt er mit den Schultern und grinst etwas schief. „Überraschungen sind allerdings nie ausgeschlossen.“

 

 

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