150 Jahre Flensburger Tageblatt : Die abgespeckte Stadthalle

Roter Klinker, grünes Dach: Die dünne Kupferfolie hielt einige Jahrzehnte, ist aber mittlerweile erneuert worden. Die Sanierung hat insgesamt über drei Millionen Euro gekostet.
Roter Klinker, grünes Dach: Die dünne Kupferfolie hielt einige Jahrzehnte, ist aber mittlerweile erneuert worden. Die Sanierung hat insgesamt über drei Millionen Euro gekostet.

1930 wurde im September das Deutsche Haus auf der Fläche des kleinen Mühlenteichs eingeweiht. Erste Pläne mussten reduziert werden.

shz.de von
25. Juni 2015, 14:30 Uhr

Flensburg | Einst hatte Flensburg eine Sängerhalle. Sie war in den 1870er Jahren am Südergraben für ein Sängerfest errichtet worden, hatte immerhin 966 Sitzplätze und brannte im Oktober 1912 ab. Spätestens seit diesem Brand träumten die Flensburger von einer Stadthalle. Die wurde es zwar nicht, dafür konnten sich die Bürger 18 Jahre später über die Einweihung des Deutschen Hauses freuen.

Doch es lohnt sich, noch einen kleinen Blick auf die Stadthalle zu werfen, so wie sie sich die Stadtväter erträumt hatten. Sie sollte einen Festsaal für 1500, einen kleinen Saal für 400, zwei Speisesäle für zusammen 300, eine Wandelhalle für 200 und ein Tagesrestaurant für 300 Personen haben. Dazu ein Kino mit 800 Plätzen, zwölf Läden und 20 bis 30 Hotelzimmer. Nachzulesen in einer Denkschrift aus sechs eng beschriebenen Seiten, denkbar knapp gezeichnet mit Dr. Todsen. Der war damals Oberbürgermeister. Der Erste Weltkrieg beendete abrupt die hoch fliegenden Stadthallen-Träume im Rathaus.

Doch die wurden kurz nach Ende des Krieges vier Jahre später wieder aufgenommen. Jetzt ging es um die Errichtung eines „Stadt- oder Volkshauses“, und ganz ähnlich wie heute auch wurde zunächst einmal eine Kommission eingesetzt. Nachdem drei Jahre nichts passiert war, nahmen sich Bürger der Sache an und gründeten ein „Komité“. Im folgenden wurde eine GmbH gegründet, in der die Flensburger Brauereien und Herm. G. Dethleffsen ebenso Anteile zeichneten wie der Gesangverein und der allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund.

Inzwischen richteten sich die Blicke auf das Grundstück Große Straße 10 bis 12, wo damals das „Colosseum“ mit immerhin 941 Plätzen stand. Die Stadt durfte den Saal an 30 Tagen im Jahr nutzen, an allen anderen war es „Lichtspieltheater“, also Kino. 1924 hatte die Stadt das Grundstück samt Gebäude erworben, und zwar mit dem Hintergedanken, das Kino einst, wenn die Finanzen es erlauben, zu einer amtlichen Stadthalle zu erweitern. Daraus wurde nichts, der Kinobetrieb etablierte sich.

Spätestens ab 1920 kam zu dem Wunsch nach einer angemessenen Veranstaltungsstätte ein neuer Gedanke dazu: Nach der Volksabstimmung war Flensburg plötzlich deutsche Grenzstadt mit starker dänischer Minderheit. Die baute eine Bücherei mit Lesehalle und Veranstaltungsräumen, zudem entstanden drei dänische Vereinshäuser. So wuchsen Wunsch und Gedanke, dem auf deutscher Seite etwas Adäquates entgegen zu setzen, „Räume für deutsche Kulturbestrebungen aller Art“ (Todsen), öffentliche Bücherei und Lesehalle, möglichst auch Räume für die Jugendpflege, alles in allem also ein „deutsches Haus“. Büchereien hatten einen besonderen Stellenwert für die nationale Identität, darum sollte die Zentrale der Grenzbücherei integriert werden.

Als die Reichsregierung die „Grenzfonds“ einrichtete, schien auch die Finanzierung möglich zu werden. Zunächst plante man üppig mit 2070 Sitzplätzen und 2,5 Millionen Reichsmark Baukosten. Die waren nicht aufzubringen, da Berlin seinen Zuschuss über den Grenzfonds auf eine Million Mark gedeckelt hatte – laut Todsens Denkschrift. Weitere 200  000 Mark kamen vom „Provinzialausschuss der Provinz Schleswig-Holstein“ die Stadt selbst war mit 480  000 Mark dabei.

Die jetzt kalkulierten 1,68 Millionen Mark erhöhten sich bei der endgültigen Ausarbeitung um vergleichsweise übersichtliche 100  000 Mark. Am Ende beliefen sich die Baukosten dann doch auf knapp über zwei Millionen Mark; mithin war das Deutsche Haus nicht – wie bis heute immer wieder gesagt wird – ein Geschenk Berlins als „Reichsdank für deutsche Treue“ – wie es über dem Eingang steht – , weil Flensburg sich in der Volksabstimmung 1920 mit großer Mehrheit für den Verbleib im Deutschen Reich entscheiden hatte; aber sein Bau wurde durch den Zuschuss von 50 Prozent sicher erst möglich.

1928 war Baubeginn auf schwierigem Untergrund. 650 Pfähle aus Holz und Eisen mussten in den zugeschütteten kleinen Mühlenteich gerammt werden. Zusammen hätten sie eine Länge von 5700 Metern ergeben.Das Richtfest wurde am 6. September 1929 gefeiert, ein gutes Jahr später war das Deutsche Haus fertig. Für den Entwurf zeichneten der städtische Baudirektor Paul Ziegler und der Stadtarchitekt Theodor Rieve verantwortlich; nach letzterem wurde in den 1990er Jahren das frühere Stadtrestaurant im Ostteil des Deutschen Hauses benannt.

Mit seiner Backsteinarchitektur, den strengen Formen, der klaren Gliederung und der fast schon monumentalen Nordfront zur Innenstadt ist es bis heute eines der prägendsten Gebäude der Stadt. Der große Saal mit am Ende rund 1500 Sitzplätzen ist einer der ganz wenigen Musiksäle jener Zeit, die bis heute nahezu unverändert erhalten sind. Das Deutsche Haus wurde in den 90er Jahren in zwei Schritten privatisiert; zunächst gab es die Stadt in die Obhut der städtischen Wobau, später wurde es verpachtet an die Deutsches Haus Veranstaltungsstätten GmbH, die bis heute das Haus betreibt.

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