150 Jahre Flensburger Tageblatt : Deutschlands erster Zob

Der alte Staatsbahnhof in der Innenstadt. Mit der Einweihung des neuen Bahnhofs war das Gebäude überflüssig und konnte zum Omnibus-Bahnhof umgestaltet werden.
Der alte Staatsbahnhof in der Innenstadt. Mit der Einweihung des neuen Bahnhofs war das Gebäude überflüssig und konnte zum Omnibus-Bahnhof umgestaltet werden.

1931 wurde die Anlage eingeweiht – als zentraler Umsteigepunkt für Fahrgäste aus der Stadt und dem Umland

shz.de von
28. Juni 2015, 14:30 Uhr

Flensburg | In jenen Tagen war Flensburg Spitze. Am 31. Dezember 1931 wurde der Zob eröffnet – der erste Zentrale Omnibus-Bahnhof in Deutschland. Es war eine moderne Einrichtung in einem alten, aber schönen Gebäude – dem einstigen Staatsbahnhof. Mit seinen Türmchen und der ausdrucksvollen Fassade hatte er eine Stadtbild-prägende Wirkung, die durch keine nachfolgende Gestaltung mehr erreicht wurde.

Der alte Staatsbahnhof war 1884 eingeweiht worden. Doch mit dem Bau des Bahnhofs am Mühlenteich wurde er in der Innenstadt überflüssig. Zunächst hatte die Stadt eine Verwendung für das Gebäude : Sie richtete ihn als Schüler-Wohnheim ein. Dann kam die neue Perspektive für den Altbau, mit dem die Busbetriebe ihren Kunden einen zentralen Anlaufpunkt in Flensburg und kurze, übersichtliche Wege zum Umsteigen bieten konnten. Vorher war die Rote Straße Ankunft- und Abfahrtspunkt für Buslinien gewesen, aber die schmale Gasse konnte auf Dauer die immer größer werdenden Fahrzeuge nicht aufnehmen.

Und nun wurden der alte Bahnhof und das umliegende Gelände frei. Eine so komfortable, zentrale Fläche für den Busbetrieb war an kaum einer anderen Stelle der Stadt vorstellbar. Wobei der Aufwand für die Herrichtung überschaubar war, in den Ansprachen am Einweihungstag ist immer wieder vom „kleinen Werk“ die Rede. Die Festredner, allen voran Oberbürgermeister von Hansemann, nutzten die Gelegenheit, die Wunden zu lecken, die die deutsch-dänische Abstimmung 1920 mit der neuen Grenzziehung und dem Verlust des Flensburger Hinterlandes geschlagen hatte: „Mit Hilfe des neuen Zob solle der Versuch gemacht werden, die Gebiete, die so schwer unter der Grenzziehung gelitten haben, wieder so eng wie möglich miteinander zu verbinden“, gaben die Flensburger Nachrichten den Verwaltungschef wieder. Und weiter: Die Kreise, die hinter den Omnibusbesitzern stehen, also die Reichspost und die Stadt Flensburg, hätten alles getan, was sie zur Unterstützung dieses Zieles tun konnten: Das sei Aufbauarbeit in einer Zeit, in der „wir“ leider meistens nur zu liquidieren gewohnt seien. „Wir wollen“, führte Dr. von Hansemann aus, „dieses kleine Unternehmen in einfacher Weise erstehen lassen und heute eröffnen.“

Der Vertreter der Oberpostdirektion Kiel freute sich über die Förderung des Kraftpostwesens. Und dann auch noch in Flensburg, sei doch die Stadt von je her das „Schmerzenskind“ des Postkraftbetriebes in der Provinz. In neuerer Zeit sei das aber anders geworden durch die Schaffung der Linien nach Apenrade, Husum, Niebüll, Schleswig und besonders durch die Nachtkraftpost nach Neumünster.

Nach Schluss der Feier setzten sich vor dem Zob – „vor dem die Reichsflagge, die preußischen und die städtischen Farben hoch vom Mast wehten“ –, zehn große Personen-Omnibusse und eine größere Anzahl von Firmenautos zu einer ausgedehnten Propagandafahrt in Bewegung. Ein wenig derb, aber dafür umso deutlicher, mahnten ein mitgeführtes Plakat: „Abfahrt jetzt nur noch vom Zob, dat mark sich jeder in sin Kopp!“

Ans Herz gewachsen war den Flensburgern der Bau allerdings nicht. Der Bericht von damals gibt Aufschluss. Am ehemaligen Bahnhofsgebäude liefen zur Zob-Einweihung gerade Abbrucharbeiten. „Sie schreiten nur langsam voran“, mäkelte der Berichterstatter. Grund war, dass jeder Ziegelstein möglichst unversehrt erhalten werden sollte. „Ob ihr Wert die Arbeitslöhne aufwiegt, soll hier nicht untersucht werden“, wurde weiter genörgelt. „Aber als ,Laie’ muss man sich doch zu jener Abbruchmethode bekennen, wie sie am vergangenen Mittwoch an der den Gleisen zugelegenen Seite angewandt wurde. Eine Lokomotive und ein Drahtseil – das übrige kann man sich denken: Ein Krach, eine Staubwolke – und die Wand war nicht mehr. Hätte man vor vier Wochen dieses Rezept bei dem ganzen Vorbau angewandt, dann ständen heute nicht mehr die häßlichen Ruinen da.“ Das waren eben die Zeiten, in denen Altes unmodern und ungeliebt war. Das traf dann auch für die 1950er Jahre zu, in denen das alte Bahnhofsgebäude in der Innenstadt unbedingt abgerissen werden musste, um einem Neubau Platz zu machen – genauso wie wenige Meter weiter das alte Rathaus für das Kaufhaus Hertie plattgemacht wurde. Es sind keine Entscheidungen gewesen, die der Stadt, die zwei Jahrzehnte später voll auf Sanierung setzte, gut zu Gesicht stehen. Gäbe es ihn noch, wäre der alte Bahnhof mit seinen Türmchen ein Gewinn für das Stadtbild.

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