WM auf dem Campus : „Deutsche können entspannt sein“

Klischee erfüllt: Der Brasilianer João Franzolin kann auch über Fußball fachsimpeln.
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Klischee erfüllt: Der Brasilianer João Franzolin kann auch über Fußball fachsimpeln.

Der Brasilianer João Franzolin promoviert an der Uni Flensburg über Propaganda im Nationalsozialismus – und setzt auf Deutschland als Weltmeister.

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17. Juni 2014, 07:19 Uhr

Flensburg | João Arthur Ciciliato Franzolin ist ein Exot: Er war es an seiner Universität im Bundesstaat São Paulo, an der er Deutsch gelernt hat, während die meisten anderen Französisch wählten. Er ist es offenbar für die Menschen in Nord-Deutschland, die ihn für einen Türken oder Russen halten. In Berlin, wo Franzolin nach seiner ersten Reise ins Ausland überhaupt im Dezember ankam, sei er sogar auf Arabisch um Auskunft gebeten worden, erzählt der 27-Jährige fröhlich. Schließlich ist er Exot an der Flensburger Universität. Nach Wissen seines werdenden Doktor-Vaters Professor Gerhard Paul ist João Franzolin hier bislang der erste Doktorand des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Zudem sei beim DAAD in Brasilien die nördlichste Uni Deutschlands nicht mal auf der Karte oder Liste möglicher Förderungsorte verzeichnet gewesen, staunt der Historiker.

Sein Thema und die Expertise in der Person Pauls hat den ehrgeizigen Südamerikaner aus Assis ins ungefähr gleich große, aber kühle Flensburg verschlagen – nachdem er eine Kommission von Professoren mit seinem Konzept überzeugte. „Der Krieg zum Verkaufen: Die Geschichte und Entwicklung der Zeitschrift ,Die Wehrmacht’ (1936-1944)“ ist der Titel, den Franzolins Promotion tragen wird. „Die Wichtigkeit dieser Arbeit liegt in der Tatsache, dass fast keine deutschen Zeitschriften der Zeit des Zweiten Weltkrieges bis heute von einem Historiker analysiert wurden“, begründet der Wissenschaftler seine Wahl. Er habe sich schon immer für Geschichte interessiert und alles, was er in die Hände bekam, über den Zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus gelesen. Bei der Lektüre stieß er auf die Lücke in der Forschung, die er nun so schnell wie möglich schließen möchte.

„Und ich hatte immer diese Idee, nach Deutschland zu kommen“, rückt Franzolin mit einer weiteren Wahrheit heraus. Die Beziehung seines Landes und seines Gastgebers nennt er eng, und er zählt drei Auswanderer-Wellen Deutscher nach Brasilien auf: Ende des 19. Jahrhunderts, nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg. „Viele denken noch in alten Begriffen“, das Deutschland nach der Wende existiere nicht für die Einwanderer. Das Deutschland-Bild beschreibt er vor allem als Bayern-Bild, in das Berlin zum Beispiel nicht recht hineinpasste. Ihn habe seine strenge Deutsch-Lehrerin über sechs Jahre lang geprägt, weiß der Brasilianer mit sizilianischen und neapolitanischen Vorfahren. Sie komme aus dem heutigen Kaliningrad, damals Königsberg, und habe neben altmodischen Redewendungen auch Verhaltensweisen gelehrt. Eine halbe Stunde früher zu einer Verabredung zu erscheinen, beispielsweise. Er habe sich nervös gefragt, ob die Deutschen so seien wie sie, sagt Franzolin, und eine Spur Erleichterung scheint spürbar, darüber, dass Deutsche entspannt sein können. Erste Korrekturen an Stereotypen hat er schon in Berlin vorgenommen, nachdem er über Anglizismen wie „cool“ gestolpert sei und jemanden suchte, der das Wort „Lichtspieltheater“ als Kino übersetzen konnte.

Eins zu null fürs Klischee steht’s aber in Sachen Fußball. Natürlich interessiert sich João Franzolin für den Sport und kann mit seinem Professor Paul beim Kaffee in dessen Garten wunderbar darüber fachsimpeln. Franzolins Großvater habe 1950 den Sieg Uruguays über Gastgeber Brasilien bei der Fußball-WM im Stadion gesehen. „Das Stadion war stumm, die Stimmung in Rio war schlecht“, zitiert der 27-Jährige aus Erzählungen. „1982 hatten wir die beste Mannschaft“, trumpft Franzolin dann aber auf, „da haben wir Kunst-Fußball gespielt.“ Paul ergänzt als Historiker die Geschichte vom „Wunder von Bern“ und trifft bei Franzolin einen Nerv. Der Brasilianer setzt auf Deutschland als nächsten Weltmeister.

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