Emil Jensen aus Flensburg : Der vergessene Künstler

Stillleben im Atelier von Emil Jensen.
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Stillleben im Atelier von Emil Jensen.

Großneffe von Emil Jensen, der in Flensburg sein Handwerk erlernte, möchte dessen Werk wieder ins Licht der Öffentlichkeit rücken

shz.de von
07. Februar 2018, 14:56 Uhr

Ein viel zu klein geratener Mann im weißen Künstler-Kittel neben seinem normal gewachsenen Akt-Modell. Im Hintergrund ist die fertige Plastik zu erkennen: lebensgroß sich rekelnd, lasziv, erotisch. Fotos, die Emil Jensen zeigen, prägen sich dem Betrachter ein: Die Fotos hatte Arne Jensen (Foto), Professor an der Ruhr-Universität Bochum, Abteilung Gynäkologie, vor kurzem nach Flensburg mitgebracht. Der Mediziner ist auf der Suche nach einem dauerhaften Ausstellungsort für das Lebenswerk seines Großonkels, eben jener kleine Mann auf den Fotos. Er war Bildhauer, lebte von 1888 bis 1967 und wurde nur 98 Zentimeter groß.

Für seinen Künstler-Vorfahren nimmt Arne Jensen, der Arzt, Einiges auf sich. Als Sturmtief Friederike den Zug auf seinem Weg in den Norden in Münster zum Erliegen brachte, nahm er kurzerhand ein Taxi bis nach Flensburg, um dort im Rahmen einer Preis-Verleihung einen Emil-Jensen-Vortrag halten zu können. Der Professor der Medizin ist 66 Jahre alt und arbeitet nur noch freischaffend. Darum hat er Zeit, sich dem Projekt Emil Jensen zu widmen. „Alles, was es braucht, wird getan“, sagt er.
Gleich zu Beginn seines Vortrages in Flensburg kam er auf die eingängigen Fotos und die geringe Körpergröße seines Vorfahren zu sprechen: Der Bildhauer Emil Jensen (1888-1967), litt in seiner Kindheit an der „Englischen Krankheit“, die mit einem Vitamin-D-Mangel einhergeht und auch als Rachitis bekannt ist. Im Alter von vier Jahren hörte er auf zu wachsen. Erst mit 20 Jahren lernte er laufen.

Ein Hauslehrer entdeckte sein bildhauerisches Talent. 1914 wurde Jensen an der Flensburger Kunstgewerbeschule aufgenommen. Seine Eltern zogen extra in den Nordergraben – ihre anderen sechs Kinder dürften da bereits aus dem Haus gewesen sein. Das Sorgenkind „Ene“, wie er genannt wurde, sollte den Weg zu seiner ersten Ausbildungsstätte selbst bewältigen können. Dennoch musste er täglich 100 Stufen steigen – „jede Stufe ist für mich so hoch wie für dich ein Stuhl“, erzählte er der Frau seines Bruders.

Jensen lernte in Flensburg bei Heinz Weddig, ein Verehrer von Ernst Barlach. Das Flensburger Museum bewahrt neben etwa einem Dutzend anderer ein Werk aus Jensens Zeit in Flensburg auf: Sitzende Affen, Eichenholz, um 1920. Das Werk wird dem Expressionismus zugeordnet. Im Treppenhaus vom Deutschen Haus stehen Figuren von Jensen. Sie haben eine heroische Anmutung. Der Bildhauer wechselte mehrmals den Stil: Kubistisch, idealschön, später abstrahierend. Eine ganz klare eigene künstlerische Handschrift ist schwer zu erkennen.

Aus diesem Grund äußerte sich Museumsdirektor Michael Fuhr, der den Vortrag des ambitionierten Professors hörte, erst einmal vorsichtig. Die Lebens-Geschichte von Emil Jensen findet er „außergewöhnlich und bewegend, ob ich von seiner Kunst dasselbe sagen kann, bin ich mir nicht so sicher“, sagte Fuhr auf Anfrage. Ohne ein vollständiges Werkverzeichnis und ohne Sichtung aller erhaltenen Originale – 100 Plastiken und 800 Gemälde und Grafiken befinden sich in Familienbesitz – wagt er nicht zu beurteilen, ob sich der Künstler Jensen für eine Sonderausstellung eignet. Die gesamte Sammlung dauerhaft aufzunehmen, wie Nachfahre Arne Jensen es wünscht - „dafür fehlen uns die Kapazitäten“, so Fuhr.

Ein anderer Zuhörer des Vortrags, der Bildhauer Fabian Vogler aus Bargum, äußerte sich sehr angetan. „Mit einer solchen Statur so ein Werk zu schaffen, ist extrem eindrucksvoll.“ Vogler erkennt bei Jensen „ein starkes formales Verständnis“. Er findet es gut, dass der Künstler im Alter eine neue Ausdrucksform gesucht hat.


„Kulturelles Highlight“

Professor Jensen glaubt, dass sein Vorfahre einen Platz in der Kunstlandschaft Schleswig-Holsteins verdient habe. Von hier stammte er. Hier könnte er sich zum „kulturellen Highlight“ entwickeln. Um seinen Anspruch zu untermauern, nennt er andere bedeutende Namen, mit denen Emil Jensen in Verbindung stand: Da ist Johann Michael Bossard von der Hamburger Kunstgewerbeschule. Bei ihm wurde Jensen Meisterschüler mit Bestnoten. Da ist Gustav Pauli, Direktor der Hamburger Kunsthalle und 1933 wegen seines Engagements für die Moderne von den Nationalsozialisten entlassen. Er setzte sich dafür ein, dass Jensen im Ohlendorff'schen Palais aufgenommen wurde. Dies war ein Atelier- und Wohnhaus für Künstler, gefördert durch den Hamburger Kaufmann Heinrich Ohlendorff. Da sind Max Liebermann und Käthe Kollwitz von der Berliner Akademie der Künste. Durch ihre Fürsprache erhielt Jensen ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom, die größte Auszeichnung seines Lebens. Doch als er das Stipendium antreten wollte, regierten bereits die Nationalsozialisten. Sie förderten ihn nicht. In ihren Augen konnte ein kleinwüchsiger Künstler keine Idealfiguren schaffen.

Einmal glaubte Arne Jensen bereits, fündig geworden zu sein auf der Suche nach einer festen Bleibe für das Werk seines Großonkels: Investoren planten an der Schleswiger Freiheit einen Neubau, in den sie ein Emil-Jensen-Museum integrieren wollten. Doch dann kam der Börsencrash 2008 – und die Investoren sprangen ab. Das Museum Schloss Gottorf sei randvoll und habe derzeit zu viel mit seinem Kubus-Masterplan zu tun, winkt Arne Jensen einen weiteren möglichen Ausstellungsort ab. Er hat Angst, dass das Oeuvre des Großonkels im Magazin landet. „Es soll aber gezeigt werden“, so der Anspruch. Schleswig passt insofern gut zu Emil Jensen, als Arne Jensens Vater gemeinsam mit seiner Frau Ingrid 1954 dort eine der ersten privaten Frauenkliniken im Land mit umfassender Versorgung aufbaute. Das gesamte Werk des Onkels (aus Sicht von Arne Jensens Vater) schmückte die Klinik vom Eingang bis in die Sprechzimmer. Vielen Schleswigern dürften die Werke Emil Jensens vertraut gewesen sein. Im Skulpturengarten von Gottorf steht heute Jensens Bronze-Figur „Erscheinung“.

Die Umsetzung eines Jensen-Museums allein in die Hand zu nehmen, wäre finanziell aufwendig. Allein die Erstellung eines Werkverzeichnisses kostet laut Professor Jensen über 100 000 Euro. Dies müsse jedoch sein, um dem wissenschaftlichen Anspruch der Kunst seines Großonkels gerecht zu werden.

Emil Jensen hätte seinem Nachfahren den Einsatz gedankt. Sein eigenes Leben hat er ganz der Kunst verschrieben: Als eine Bombe das Ohhlendorff'sche Palais traf, glaubte er sein Lebenswerk zerstört. Völlig desillusioniert zog er zu seiner Schwester nach Starnberg, wo er nur langsam die Arbeit wieder aufnahm. Als er in seinem 80sten Lebensjahr starb, schrieb seine christlich gesinnte Lebensgefährtin Inka Dassow: „Wer … nach seiner Heimkehr … die noch zum Formen ausgerichteten Hände betrachtete, weiß, dass er untrennbar mit seinem Werk verbunden bleiben wird.“

1989 zeigte das Landesmuseum Schloss Gottorf Jensens plastisches Werk. Der damalige Museums-Leiter Heinz Spielmann schrieb dazu im Katalog, dass Jensen zu denjenigen Bildhauern zähle, „die es noch zu entdecken gilt.“ Heute, fast 30 Jahre später, hat dieser Satz immer noch Bestand.





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