Handewitt/Pattburg : Der vergessene Grenzzaun

Kristian Hansen zeigt die Reste des alten Zauns, die im Knick versteckt liegen.
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Kristian Hansen zeigt die Reste des alten Zauns, die im Knick versteckt liegen.

Ein Landwirt aus dem Grenzgebiet erinnert an ein Hindernis, das schon damals die Schweinepest aufhalten sollte.

shz.de von
08. April 2018, 16:55 Uhr

Vom Wildschweinzaun will Kristian Hansen gar nichts wissen. Er knirscht leicht mit den Zähnen und rollt mit den Augen, als das Gespräch auf den geplanten Bau kommt. „Die sollen erst mal den alten wegräumen“, grummelt er. Den alten? Auf die ungläubige Nachfrage antwortet der Landwirt in seinem dänischen Akzent: „Soll ich dir den zeigen? Ich muss nur noch schnell meinen Rollator holen.“

Kristian Hansen wohnt seit seiner Geburt 1936 auf dem Vilmkjaergaard, der direkt auf der Deutsch-Dänischen Grenze liegt. Die Straße vorm Haus ist deutsch und gehört zur Gemeinde Handewitt, das Grundstück inklusive Hof nördlich davon ist dänisch und gehört zu Pattburg. Schuld an dieser Konstruktion ist die Volksabstimmung im Jahr 1920. „Meine Großeltern und ihre Nachbarn wollten zu Dänemark gehören, daher hat die Grenze hier so einen komischen Verlauf“, erklärt der 81-Jährige, während er das Haus verlässt. Im Ersten Weltkrieg mussten die Söhne der Familie Hansen für Deutschland in den Krieg ziehen. „Meine Großeltern wollten verhindern, dass so etwas nochmal passiert.“

Und so haben die Familienmitglieder die wechselvolle Grenzgeschichte quasi hautnah miterlebt. Deshalb kann sich Kristian Hansen auch noch ganz genau an den Bau des längst vergessenen Grenzzauns Ende der 1980er-Jahre erinnern. „Die Situation war ähnlich wie heute. Es sollte damit verhindert werden, dass die Schweinepest und die Maul- und Klauenseuche eingeschleppt werden“, sagt er, während er in den Knick klettert, um die Überreste zu präsentieren. Auch an eine andere Sache erinnert er sich: „Ich musste damals unsere Rinder abschaffen. Die standen in unserem Stall auf der deutschen Seite. Es bestand die Angst, dass sie etwas einschleppen.“ Ein Vertrag untersagt der Familie bis heute die Haltung von Tieren mit Klauen.

Doch zurück zum Grenzzaun. Weiß man einmal, dass er da ist, ist er kaum zu übersehen. Zwischen morschen Holzpfählen baumelt der Draht. An manchen Stellen ist er schon ganz in sich zusammengesackt. „Der wurde damals einfach aufgestellt und niemand hat sich jemals wieder darum gekümmert. Allein entlang unserer Ländereien sind es insgesamt zwei Kilometer“, empört sich Hansen. Aus diesem Grund sieht er auch den Neubau kritisch: „Der mag ja helfen, aber ich finde, das kostet zu viel Geld. Außerdem werden die Schweine auch einen anderen Weg finden“, ist er sich sicher.

Das friedliche Zusammenleben im Grenzgebiet sieht er durch den geplanten Zaun nicht gefährdet. „Wir kommen alle gut miteinander klar“, sagt er und erzählt von dem Herzinfarkt, denn er kürzlich erlitt. „Die nächste dänische Klinik wäre in Odense gewesen. Daher bin ich in die Diako gebracht worden. Ich bin froh, dass es diese Zusammenarbeit gibt“, sagt er.

Ähnlich sieht es auch Kirsten Johannsen. Sie ist die dänische Nachbarin von Kristian Hansen. „Wir haben Freude in Ellund und genießen es, dass wir zum Einkaufen auch nach Handewitt fahren können. Auch wenn im Moment nur eine virtuelle Linie die Deutschen und Dänen voneinander trennt, hat Kirsten Johannsen festgestellt, dass „wir doch zwei verschiedene Kulturen haben. Die Dänen sind lockerer“, meint sie.

Das scheint jedoch auch für die Menschen im Handewitter Ortsteil Ellund zu gelten. Wenn es um den zukünftigen Grenzzaun geht, kann man Spaziergängern nur ein entspanntes Schulterzucken und ein „ist mir eigentlich egal“ entlocken. Eine Anwohnerin bringt die Stimmung so auf den Punkt: „Nicht die Leute hier direkt vor Ort regt es auf, sondern Menschen, die gar nicht wissen, wie es hier ist.“

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