Der "Vater" der Roten Straße

Günter Kruse beim Schmücken 'seines' Hofes zu Weihnachten. Foto: Dewanger
Günter Kruse beim Schmücken "seines" Hofes zu Weihnachten. Foto: Dewanger

Im Krusehof begann der Aufstieg der ältesten Straße Flensburgs zur Sehenswürdigkeit. Günter Kruse machte den Hof zum Schmuckstück. Am 31. Januar starb der Künstler und Menschenfreund.

shz.de von
04. Februar 2008, 03:47 Uhr

Er hat Spuren hinterlassen. Das sagt seine Familie, das finden seine Künstlerfreunde, das beobachten Bewunderer. Günter Kruse starb am 31. Januar mit 83 Jahren. Sichtbares Schaffen und unsichtbarer Geist bleiben. Der Vater der Roten Straße wird er genannt, weil die Veredelung der ältesten zur schönsten Straße der Stadt ihren Anfang in seiner Glaserei nahm. "Wir standen ziemlich weit hinten", sagt Helga Kruse mit viel Verständnis für "seine Rote Straße, seinen Krusehof". Günter Kruses Ehefrau und seine drei Kinder mögen manchmal hinten gestanden haben, aber immer hinter ihm. Denn Kruses Feuereifer steckte an. Die anderen Höfe zogen nach, erinnert sich Sohn Peter Kruse. Ursprünglich hatte die Familie das Grundstück gekauft, um den Platz für die Arbeit an Kirchenfenstern zu nutzen. Freunde ermutigten den Glaser, sein Gespür für Bilder in einer Galerie zu verwirklichen, erzählt Helga Kruse. Liebe zum Detail offenbart sich in der Weinstube, im eigenen Haus mit Fördeblick. "Alles selbstgebaut", staunt Peter Kruse heute noch über das Talent seines Vaters, Schrott in Schönes zu verwandeln. Türme von Teddies fallen ihm ein, vervollkommnet von Vaters Hand, die in der Adventszeit ihren großen Auftritt erleben. Denn auch die Wiege des norddeutschen Weihnachtsmarkts steht im Krusehof. 1975 stellte sich Günter Kruse erstmals kostümiert mit Dreizack an den Hofeingang und trommelte kleine und große Kinder herbei zum Karussel, zu Punsch und Schmalzbroten.
"Die Schmücke mach’ ich", zitiert ein Weggefährte seinen Logenbruder Günter Kruse, der sich vor Weihnachtsfesten im Logenhaus stets als Dekorateur empfahl. "Er hat noch dekoriert beim Wegpacken", sagt seine Frau lächelnd dazu.
Nicht jeder Künstler konnte mit dem Perfektionisten zusammenarbeiten, weiß Peter Kruse. Doch jene, die konnten, wussten weshalb. Helga Kruse erinnert sich an Ekkehard Thiemes Worte: "Meine Bilder kann man nicht räumlich umsetzen". Kruse konnte. Kunst am Bau entstand. Lichtblicke, Fenster, nach Thiemes Entwürfen schmücken heute Kirchen, Schulen, öffentliche Häuser. Selbst den Vatikan ziert Kruses Werk.
"Dass etwas nicht ging, das gab es nicht", stellt Peter Kruse fest. Und dabei "machte er aus allem eine Eins", ergänzt Helga Kruse. Ihr Sohn erzählt die Geschichte von der Weltkugel: Auch ein schweißtreibendes Werk von zwei Wochen wurde kurzerhand vernichtet, weil es nicht perfekt passte.
Geld sei das allerletzte gewesen, was Kruse antrieb. Rechnungen zu schreiben, überließ Günter Kruse anderen. Er verschenkte lieber. Wieder trägt die Familie eine Anekdote zusammen: In den Anfängen des Schleswig-Holstein Musikfestivals in den 80-er Jahren improvisierte der Musikliebhaber und verköstigte ganze Orchester mit Bowle und Geschnetzeltem für lau in der Roten Straße. Tiefen gab es auch, weiß Helga Kruse. Vielleicht aus ihnen habe er, der 1951 aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, Lebensfreude geschöpft. Und aus der Freude anderer. Im Dezember erfüllte er sich selbst einen Wunsch und machte nochmal seinen Weihnachtsmarkt.

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