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150 Jahre Flensburger Tageblatt : Der Urknall der Beat-Generation

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1963 war das Geburtsjahr des Beat in Flensburg.

Flensburg | Bitte mal drehen und dabei ordentlich schreien! Diese Aufforderung schwappt anno 1963 unüberhörbar aus dem englischen Liverpool nach Deutschland – und die Welle dringt wie ein Weckruf bis in die nördlichste Musikprovinz. „Twist and Shout“ zelebrieren die Beatles seinerzeit – und der Rhythm & Blues-Song sorgt auch in Flensburg für Verzückung. Es manifestieren sich zarte Pflänzchen aufkeimender Beat-Begeisterung, danach ploppen die Bands wie Pilze aus dem Boden.

Gitarren sind ausverkauft, Probenräume Mangelware, Keller und Garagen werden fortan einer neuen Bestimmung zugeführt. Fieberhaft suchen ambitionierte Musiker nach Auftrittsmöglichkeiten und beglücken ihr Publikum – mit mehr oder weniger Begabung. „Die Not hat ein Ende, die Zeit der Dorfmusik ist vorbei“, skandieren die Musikpioniere.

Der Beat liefert den Soundtrack für den Aufbruch in eine neue Ära, der Twist ist der Tanz dazu. Die neue Bewegung ist einerseits dem Überdruss gegenüber dem allgegenwärtigen Schlager geschuldet. Denn es ist nicht jedermanns Welt, als im Frühjahr Lou van Burg die Show „Stimmen der Stars“ im Deutschen Haus präsentiert, in der Gus Backus sein Herz in Germany verliert.

Den Gegenpart liefert am 7. September der König des Twist: Chubby Checker, ein US-Import. „Der große Saal erbebte in seinen Grundfesten, als das Oberhaupt der Twistbewegung auf die Bühne kam“, schreibt das Flensburger Tageblatt.

Der Beat ist aber auch eine Form gesellschaftspolitischen Protests und Ausdruck eines sich verschärfenden Generationenkonflikts. Ältere Semester diskreditieren ihn als „laute Hottentotten- oder Negermusik“ und deren Interpreten sowie Anhänger mit: „Lange Haare, kurzer Verstand.“ In der Tat wird bei der Haarpracht um jeden Zentimeter gekämpft. Konservative Kräfte befürchten gar die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft. „Ja, der Untergang der abendländischen Kultur war für sie damit nur noch eine Frage der Zeit“, sagt schmunzelnd Wolfgang „Wolle“ Matthiessen, Jahrgang ’51, Musiker und profunder Kenner der Szene. Er hat sich den Beatles-Titel kurzerhand ausgeliehen und damit eine akribisch recherchierte, gut sortierte und vergnügliche Anthologie über die wilden Jahre in der Fördestadt überschrieben. Wie viele andere seiner Zunft klöppelte er in den Anfängen auf Dash-Trommeln, dazu klimperte man auf schedderigen Wandergitarren, Röhrenradios dienten als Verstärker. „Flensburg war eine kleine Hochburg mit einer regen Szene“, versichert der Autor.

Vor gut 50 Jahren entwickelt sich eine zunächst kleine lokale Subkultur – doch die Zahl ihrer Anhänger wächst stetig. Und sie bringt Musiker hervor, die später Karriere machen. Als Flensburgs Vorzeigeband „The Avalons“ in ihrem bescheidenen Probenraum in der Gewerblichen Musikschule auf ihren Gitarren schrammelt, ahnt niemand, dass ihr Sänger „John Heart“ Jahre später stolz auf den Status eines Stars verweisen darf. Es ist niemand Geringerer als Hans Hartz, der sich mit unverwechselbarer Röhre und seinem Hit „Die weißen Tauben sind müde“ schließlich an die Spitze der deutschen Charts setzt.

Die Avalons selbst schaffen es von den Gewerkschafts-Gaststätten an der Schlossstraße, wo sie zum Tanz für die Jugend aufspielen, immerhin in den legendären Hamburger Star-Club. Ein tragischer Autounfall jedoch zerreißt die Band, die sich davon nicht mehr erholt und 1970 auflöst. Weniger hart zur Sache gehen die „Diamonds“, die überwiegend im meist prall gefüllten Glücksburger Ruhetal, später im Harrisleer Nordkreuz und dem Landhaus Kauslund auftreten. Ihnen gelingt es, 1966 den „Nordischen Beatpokal“ zu gewinnen. Überregionale Bedeutung haben überdies Bands wie „Club 62“, bei denen in den Anfängen ein gewisser Wolfgang Börnsen am Schlagzeug sitzt, der sich später auf einer anderen Bühne einen Namen macht, und die vom Motown Sound inspirierten „Jolly Four“, die aber nicht nur Songs der Supremes, sondern auch der Hollies, Herman’s Hermits oder Rolling Stones im Repertoire haben. Ob das dafür verantwortlich ist, dass ihnen eines Tages bei einem Gig in Eggebek ein von einem betrunkenen Soldaten geschleudertes faules Ei um die Ohren fliegt, ist ungeklärt. Brav mit Beatles und Beach Boys dagegen halten es dagegen „The Foot-Tapper“ in ihrem Stammlokal, der Gaststätte Forsteck in Wassersleben.

Viele Gastwirte auf den umliegenden Dörfern wittern unterdessen mit einer Portion Bauernschläue, dass sich mit den Bands gutes Geld verdienen lässt, und so wächst die Zahl der Jugendtanzveranstaltungen auch auf dem flachen Land – in Dorfgasthöfen, Bahnhofs- und Strandhotels. Bisweilen kommt es dort zu längerfristigen Gastspielen, die manchmal sogar Jahre andauern.

Ende der 60er sind plötzlich Diskotheken en vogue, eine Konkurrenz, die einige Gruppen zur Auflösung zwingt oder aber dazu, sich mit gängiger Hitparadenmusik als Tanzkapelle zu verdingen. Der Beat wird abgelöst von Progressive Rock und psychedelischer Musik.

Randnotiz: Die berühmteste Kurzzeit-Flensburgerin, die im internationalen Popbusiness Furore macht, heißt Heidi Stern. Sie zieht mit Eltern und Geschwistern 1969 in den Norden. Ihre Brüder Bobby und Stevie widmen sich dem Soul und Blues bei den „Funky Five“. Sie geht mit 15 Jahren nach Amerika und wird berühmt – als Jennifer Rush.

Eine musikalische Zeitreise durch die wilden Sechziger zelebriert Wolfgang Matthiessen regelmäßig im Deutschen Haus. Hier kommen einige, inzwischen ergraute Musiker noch einmal zu Ehren, und die regelmäßig 1000 Gäste dürfen zu den Klängen ihr Haupthaar schütteln – sofern vorhanden. „Come on and let the good times roll!“ Natürlich gibt es Tische und Stühle im Parkett. Denn die älteren Herrschaften stehen nicht mehr so gern.






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erstellt am 10.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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