Betrug in Flensburg : Der unheimliche Lotto-Anrufautomat

Mit spitzen Fingern fasst  der Flensburger Ernst Posern Schriftstücke wie diese nur an: 'Das brauche ich nicht.' Foto: Dewanger
Mit spitzen Fingern fasst der Flensburger Ernst Posern Schriftstücke wie diese nur an: "Das brauche ich nicht." Foto: Dewanger

Ein Mitarbeiter der Firma "Lotto 3000" lockte Ernst Posern aus Flensburg mit einem Spielsystem samt Millionengewinn. Der Rentner lehnte ab - und soll nun trotzdem zahlen.

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08. Dezember 2011, 12:34 Uhr

Flensburg | Mit dem Ärger ist er nicht allein. Aber das macht die Sache für Ernst Posern nicht besser. Wie Tausende andere in Deutschland ist der Flensburger Rentner einer dubiosen Lotto-Firma in die Hände gefallen, die auf die leichte Tour Kasse zu machen versucht. In Poserns Fall wird die "Firma" von einem Anton Meier vertreten, und der behauptet steif und fest, zwischen Lotto 3000 und Ernst Posern bestehe ein Spielvertrag, der mit 69 Euro pro Monat zu bedienen ist.
Komisch ist nur, dass Posern nach seiner festen Überzeugung überhaupt keinen Vertrag geschlossen hat. Er habe nämlich laut und vernehmlich Nein gesagt und "Das brauche ich nicht!", als eines schönen Tages das Telefon klingelte. Am Apparat ein Mitarbeiter von Lotto 3000, der ihm die Vorzüge des Spielsystems schmackhaft zu machen versuchte und alsbald einen Millionengewinn samt seiner angenehmen Nebenwirkungen in Aussicht stellte. Das war am 21. September. Und danach geschah eine ganze Zeit gar nichts.
"Ich gehe davon aus, dass auch Sie ein rechtschaffener Bürger sind"
Umso erstaunter war Ernst Posern, als ihm am 10. November die erste Mahnung und am 16. November gleich die zweite Mahnung über 148 Euro ins Haus flatterten. In eindringlichen Worten erinnerte Unterzeichner Anton Meier ihn an einen angeblich mündlich geschlossenen und deshalb rechtswirksamen Vertrag, ja - der Mann vom Lotto versuchte den sich keiner Schuld bewussten Rentner bei Anstand und Ehre zu packen: " . . . unser Zusammenleben basiert auf Regeln und deren Einhaltung", konnte Posern da lesen. Und: "Ich gehe davon aus, dass auch Sie ein rechtschaffener Bürger sind, der (...) keinen Ärger mit (...) Gerichten wünscht."
Das mit der Rechtschaffenheit dürfte nach Einschätzung des Verbraucherschutzes wohl eher auf Ernst Posern zutreffen. Über "Lotto 3000" jedenfalls ist in der Kieler Landeszentrale nicht Gutes bekannt. "Wir haben 50 Fälle pro Woche - und die Dunkelziffer dürfte erheblich größer sein", sagt dort Dr. Boris Wita. Der Verbraucherschützer ordnet die Aktivitäten der Firma in den dunkleren Teil des grauen Bereichs ein, in dem viele Geschäfte nach dem Fernabsatzgesetz betrieben werden. "Es trifft besonders ältere Herrschaften. Und die sind meist so erzogen worden, dass sie offene Rechnungen auch bezahlen." Nach bundesweiten Erhebungen des Verbraucherschutzes würden zwischen 15 und 20 Prozent solcher meist unrechtmäßig erhobenen Forderungen bezahlt - ein Millionengeschäft.
"John Sinclair-Hörbücher sind ein Dreck dagegen!"
Das Besondere an dieser neuen Masche ist ein automatischer Anrufer - eine Bandansage, die zur reinen Nervensäge wird. Ohne Punkt und Komma wird dem vermeintlichen Schuldner um die Ohren gehauen, dass er zur Zahlung verpflichtet ist, dass sonst der Gerichtsvollzieher kommt und den Fernseher mitnimmt. Gelassenere Zeitgenossen haben die Bandansage auf ihrem Anrufbeantworter aufgenommen und über YouTube online gestellt: www.youtube.com/watch?v=VChgQBUf gY4. Kommentar eines amüsierten Zuhörers: "John Sinclair-Hörbücher sind ein Dreck dagegen!"
Allerdings geht das nicht allen so. Zumal jenen nicht, die im Stundentakt terrorisiert werden. Boris Wita: "Viele Leute zahlen einzig und allein, um einfach nicht mehr angerufen zu werden."
Wer dem Spuk ein Ende machen will, sollte wenigstens einmal auf die Mahnung antworten und den Vertrag anfechten - am besten mit einem Formblatt, das die Verbraucherzentralen vorhalten. Angst aber braucht sich trotz all des Ärgers niemand zu machen. "Die ziehen die Daumenschrauben an. Nach den Mahnungen schreibt noch ein Rechtsanwalt, vielleicht kommt noch ein Inkassobüro ins Spiel", sagt Wita. "Aber das angedrohte gerichtliche Verfahren kommt bestimmt nicht. Dann müssten sie ja die Hosen herunterlassen."

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