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Flensburger Tageblatt

20. Oktober 2017 | 15:35 Uhr

Der Traum der Speckdänen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1948 forderten Bürger den Anschluss an Dänemark / Breite Ablehnung der Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2015 | 12:23 Uhr

Plötzlich wollten viele Menschen im Landesteil keine Deutschen mehr sein, wollten mit Deutschland nichts mehr zu tun haben. Die Spitze der Dänenorientierung zeigt das Jahr 1948: Die Mitgliederzahl der dänischen Minderheit erreichte das Rekordniveau von 75  000.

Gewaltig war die Erschütterung über die Gräueltaten, die die Nationalsozialisten im Namen Deutschlands begangen hatten. Jede neue Meldung über ein KZ und die dort entdeckten Massen von Toten zerrüttete die Bindung an das Vaterland weiter. Zahlreiche Bewohner erinnerten sich in dieser Situation an die Geschichte des Landesteils, der ja bis zum deutsch-dänischen Krieg 1864 zu Dänemark gehört hatte.

Weg von Deutschland, Dänemark soll wieder bis an die Eider reichen – so wollten es Bürger des Landesteils, die am 21. Juni 1945 eine Petition an die dänische Regierung schickten. Wörtlich heißt es darin: „Wir erklären hiermit, daß wir loyale Bürger des dänischen Staates werden wollen und daß wir alles einzusetzen gewillt sind, unsere Nachkommen in diesem Sinne zu erziehen.“ Aus der Grenzstadt Flensburg kamen allein zehntausend Unterschriften.

Diese irritierende „neudänische Bewegung“ wurde in den Jahren nach dem Krieg die stärkste politische Kraft in der Region.

Von der Orientierung nach Dänemark profitierte ganz stark die dänische Minderheit. Unter dem Druck der braunen, deutschen Machthaber war die Zahl ihrer Mitglieder auf 2700 geschrumpft. Nun explodierte sie regelrecht und erreichte 1948 sogar 75  000. 1946 gab es in allen Städten des Landesteils eine dänische Ratsmehrheit, und 1951 wurden bei der Landtagswahl 100  000 dänische Stimmen gezählt.

Dabei half die dänische Strategie der Lebensmittelhilfe aus Dänemark. Diese Spenden waren allerdings an ein Bekenntnis zum Königreich gebunden. Also: Fresspaket gegen das Ja zum Dänentum. Insbesondere in den Hungerwintern 1945/46 verfing die dänische Strategie bei vielen Deutschen. Wer von den Essensspenden profitierte, fing sich den Spottnamen „Speckdäne“ ein.

Der Historiker Uwe Danker fasst das Bündel der Motive zusammen: „Von Scham getragene junge Deutsche, die neue Orientierung in der stabilen dänischen Demokratie suchen. Und warum nicht? Das Herzogtum Schleswig hat bis 1864 zu Dänemark gehört, die Grenzregion deutsche wie dänische Einflüsse erlebt. Andere wollen sich ‚aus der Geschichte stehlen‘, in einer Region, die 1933 mit 70 Prozent für die NSDAP votierte. Die Stadt Flensburg kann ihr 1920 verlorenes wirtschaftliches Umfeld zurück gewinnen. Alles nachvollziehbar, in dieser ‚zweiströmigen‘ Region zumal.“

Als zusätzliche Triebfeder kam das Ziel hinzu, die vielen Flüchtlinge aus dem deutschen Osten wieder loszuwerden: 1,2 Millionen waren es in Schleswig-Holstein. Mit diesem Ansatz wandten sich Flensburger an die britische Besatzungsmacht: Sie trugen den Wunsch vor, „daß unser Grenzland Südschleswig so schnell wie möglich von Flüchtlingen befreit wird. Seit Monaten ergießt sich dieser Strom von Fremden über unsere Heimat und droht, unser erbliches nordisches Volkstum in Süd-Schleswig zu verdrängen oder es zumindestens biologisch zu entfremden.“

Der Flensburger Historiker Uwe Danker fasst das Phänomen so zusammen: Das war das Ziel, nämlich die Flüchtlinge und Vertriebenen loszuwerden. Aus Ostpreußen, Pommern, Danzig und Schlesien stammend, wollten sie ernährt werden und leben. Damit war für viele nun Schluss mit der deutschen „Volksgemeinschaft“. Und hier gab es ein Argument für den Heimategoismus: die Rückkehr zu „Mutter Dänemark“.

Doch weder die Besatzungsmacht noch die dänische Regierung gingen auf diese Initiativen ein. Nachdem erst in Dänemark die Rede von einer neuen Volksabstimmung im Grenzland war, verkündet 1947 der neue Regierungschef Hans Hedtoft: „Grænser ligger fast“.

Die Briten waren von immer wiederkehrenden Vorstößen aus Dänemark genervt, betrachteten sie als Einmischung. Mit der dänisch-britischen Übereinstimmung, dass kein Grenzproblem vorliege, sondern eine Minderheitenfrage, wurde der Weg frei zur vorbildlichen Konfliktlösung: den Bonn-Kopenhagener Erklärungen.

Die Bewegung hin zu Dänemark traf die deutsche Politik unvorbereitet. Deutsche Parteien bildeten am 17. September 1948 nach einer Initiative des Flensburger Landrats Friedrich Wilhelm Lübke das Wahlbündnis „Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig“. Die Landesregierungen praktizierten eine Politik der „Nadelstiche“, gekoppelt mit einer kulturellen Offensive und Wirtschaftsförderung der Region. 1951 wird Lübke in Kiel Ministerpräsident: Wahlsonderregeln für die Minderheit werden aufgehoben, das Minderheitenschulwesen schikaniert und dänische Predigten in deutschen Kirchen behindert. Die nationale Auseinandersetzung ist in vollem Gang.

Auf Initiative von Pastor Rudolf Muuß bildet sich der ‚Schleswig-Holsteinische Heimatbund‘ (SHHB); die Grenzvereine entstehen: Deutsche kulturelle Arbeit soll bis ins letzte Dorf kommen. 1948 zeigt sich die Wende. Der dänische Wähleranteil ging zurück. 1951 gibt es im Flensburger Rat wieder eine deutsche Mehrheit.

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