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Flensburg-Historie : Der Tag, an dem die Dächer flogen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 50 Jahren, am 23. Februar 1967, richtete ein Orkan gewaltige Schäden in Flensburg an. Ein Foto ging um die Welt.

Donnerstag, 23. Februar 1967: Vor 50 Jahren tobte ein Orkan über Nordeuropa, der gewaltige Schäden anrichtete. Flensburg war schwer betroffen: In Mürwik am Marrensberg und am Friedheim wurden Dächer von sechs Wohnblocks gerissen, an der Alten Werft riss sich ein Schiffsneubau los, der Sturm ließ Schaufensterscheiben zerplatzen, massenhaft krachten Ziegel und Schornsteine auf die Straßen und machten den Aufenthalt draußen zu einem lebensgefährlichen Unternehmen, auch durch die umstürzenden und abknickenden Bäume.

Abrasiert: Die Böen rissen nicht nur die Eindeckung, sondern im Obergeschoss auch Teile der Wände ab.
Abrasiert: Die Böen rissen nicht nur die Eindeckung, sondern im Obergeschoss auch Teile der Wände des Wohnhauses in Mürwik ab. Foto: sh:z/Armin O. Scheich/Archiv
 

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – das Glück hatte Tageblatt-Fotograf Armin O. Scheich an diesem Tag. Nach einem Termin am Twedter Plack wollte er seine Kamera wieder im Auto verstauen, als er durch das anhaltende Heulen des Sturmes ein Krachen hörte. Herumfliegende kleinere Trümmer deuteten darauf hin, dass die Böen Teile der Dächer am Friedheim abgerissen hatten und durch die Gegend schleuderten. Wie Wellen bewegten sich die Hausdächer im Sturm. Scheich griff wieder zur Kamera und beobachtete die Situation. Und dann gab es – im wahrsten Sinne des Wortes – kein Halten mehr.

Die Dächer rissen in großen Stücken von den Häusern ab und segelten durch die Luft. „Wie Segelflugzeuge“, schilderten Augenzeugen später. Krachend schlugen die Trümmer auf den Grünflächen und auf den Straßen auf. Zufällig und in sicherem Abstand stand Fotograf Scheich und löste immer wieder aus. Das sensationelle Bild der fliegenden Dächer wurde später von etlichen Medien und Nachrichtenagenturen abgefragt. Die Aufnahme aus Mürwik ging um die Welt. Der Zufall meinte es gut mit dem Fotografen.

Er dürfte einer der weniger Flensburger gewesen sein, die dem Sturm etwas Positives abgewinnen konnten. Ansonsten gab es nur Schäden. Meteorologen waren sich einig, dass dieser Orkan noch deutlich mehr Wucht hatte als der von 1962, der Hamburg in die Katastrophe stürzte.

Glimpflich ging das Geschehen im Innenhafen ab, als sich im Sturm der Schiffsneubau „Tete Oldendorff“ von der Pier der Ausrüstungswerft / Alte Werft (heute FFG) losriss, das treibende Schiff die Anlegebrücke des Zoll eindrückte und den Zollkreuzer „Angeln“ an die Kaikante drückte. Bevor der wie eine Nussschale zerquetscht wurde, konnte ihn ein Schlepper in Sicherheit bringen. Der treibende Frachter wurde am Harniskai festgemacht, bis ihn am Tag darauf ein Schlepper aus Kiel und zwei aus Flensburg zurück zur Alten Werft verholten. Die Ingenieure stellten fest, dass an der „Tete Oldendorff“ kaum Schäden zu verzeichnen waren.

Kritisch wurde es am Deutschen Haus, von dem der Sturm die Kupferblech-Eindeckung im Bereich zur Friedrich-Ebert-Straße herunterfetzte. Die damalige „Europastraße 3“ wurde für den Verkehr gesperrt, die Straßenbahn war schon durch Kurzschlüsse, die die Kupferplatten ausgelöst hatten, außer Gefecht gesetzt.

<p>Trümmer vom Kupferdach des Deutschen Hauses landeten in der Dr.-Todsen-Straße. </p>

Trümmer vom Kupferdach des Deutschen Hauses landeten in der Dr.-Todsen-Straße.

Foto: sh:z/Armin O. Scheich/Archiv
 

Am Katastrophenalarm schrammte die Stadt vorbei, aber Stadtrat Hagenau, Dezernent des Amtes für zivilen Bevölkerungsschutz, ließ Großalarm auslösen. Damit wurden alle verfügbaren Kräfte der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Wehren, des Bergungsdienstes, des Luftschutzes sowie der Polizei einberufen. Die Panzergrenadierbrigade 16 ordnete 180 Soldaten für Aufräumarbeiten ab. Insgesamt waren 420 Helfer im Einsatz. Diese Helfer leisteten eine großartige Arbeit: Am nächsten Morgen war die Stadt fast völlig aufgeräumt, der Berufsverkehr konnte Freitagmorgen ohne Behinderungen rollen.

In großer Sorge waren die Flensburger um die Besatzungen zweier Schiffe: des städtischen Tankschiffes „Breitgrund“ und des Fischkutters „Fle 13“. Die „Breitgrund“ war am Donnerstag Morgen vom Industriehafen in Richtung Außenförde ausgelaufen, um südöstlich des Leuchtturms Kekenis Schlamm zu versenken.

Für die drei Mann Besatzung war es eine Routinefahrt, von der sie eigentlich gegen 18 Uhr zurückkehren sollte. Als dann der Sturm losbrach, ging die „Breitgrund“ vor Falshöft vor Anker. Die Besatzung wartete ab und kehrte am Tag darauf nach Flensburg zurück.

Der Fischkutter der Brüder Johannes und Peter Lauer war am Donnerstagmorgen zum Muschelfang ausgelaufen. Andere Fischer hatten den Kutter noch vor Glücksburg gesehen. Dann tobte der Sturm, „Fle 13“ kehrte nicht in den Hafen zurück. Die Angehörigen waren in höchster Sorge. Am Tag darauf stellte sich heraus, dass der Kutter bei den Ochseninseln auf Grund gelaufen war. Wie beim Tankschiff „Breitgrund“ blieben die Besatzungsmitglieder unverletzt.

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erstellt am 20.Feb.2017 | 07:51 Uhr

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