Der schönste Stadtteil der Welt

Verschwundene Perlen an der Förde: Der Steg hat abgespeckt und das Gasthaus ist fort.
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Verschwundene Perlen an der Förde: Der Steg hat abgespeckt und das Gasthaus ist fort.

Mit Renate Delfs am Ostseebad-Strand / Villen und Mehrfamilienhäuser zwischen Apenrader Straße und Flensburger Förde

shz.de von
25. Juni 2011, 07:17 Uhr

Flensburg | Weit gekommen sei sie nicht, sagt Renate Delfs und lacht. Von der Apenrader Straße, in der sie aufwuchs, ist sie irgendwann ins Friedrichstal gezogen, wo sie lebt. Warum auch nicht, wenn man die Gnade hat, im schönsten Stadtteil der Welt zur Welt gekommen zu sein?

"Ich war ein überzeugtes Kind", sagt die Flensburgerin, deren Elternhaus noch steht. Die alte Villa strahlt womöglich schmucker als je zuvor. Gemütlich, verwinkelt und friedlich hockt ihr Haus im Friedrichstal. Für den hügeligen Weg zum Strand nimmt sie das Fahrrad. "Ich gehe hier nun wirklich mein Leben lang schwimmen und spazieren - wir wollen mal sagen, 80 Jahre lang. Und jeden Tag ist die Stimmung anders." Zum Gespräch setzt sie sich auf eine Bank im Rondell vor dem Steg, während Münsterländer Wumba Rosen-Büsche beschnüffelt. Die morgendlichen Schwimmzüge in der erfrischenden Förde stehen noch aus; der erste Spaziergang des Tages auf dem ebenen Weg gesäumt von Wasser und Wald zugleich hat auch Wumbas Bewegungsdrang zunächst besänftigt.

Ein "wunderhübsches Restaurant" habe hier einst über allem gethront. Doch sei es in den fünfziger Jahren abgerissen worden - "wohl weil die Stadt es nicht unterhalten konnte", vermutet die Flensburger Schauspielerin, die in einem anderen Berufsleben zwölf Jahre lang die Geschicke der städtischen Tourismuszentrale leitete. Das Vakuum an der Stelle, wo Menschen einst auf der Terrasse zum Wasser hin speisten oder behütet vom "Kaffeemützendach" plauderten, bedauert Renate Delfs bis heute.

Gerret Liebing Schlaber ergänzt ein historisches Foto des "stattlichen Gasthauses" in seinem Buch "Vom Land zum Stadtteil" um die Worte: "1873 errichtete eine eigenes gegründete Aktiengesellschaft nördlich der Stadt eine große Badeanstalt, zu der auch ein hoch gelegenes Gasthaus gehörte. Nach der Erweiterung des Wasserwerks 1905 wurde das Ostseebad nach Norden verlegt. Sowohl das alte Gasthaus (Am Ostseebad 2), das zuletzt als Werftkantine diente, als auch das neue Restaurant (Am Ostseebad 29) verschwanden Anfang der 1970er Jahre."

Die Brücke sei breiter gewesen als jetzt, damit die Damen und Herren getrennt voneinander ins Wasser gleiten konnten, erinnert sich Delfs und hat den Namen der Schwimmlehrerin Male Meinert parat. In der Mitte habe ein Geländer die Geschlechter getrennt, in der großen Badeanstalt die Kabinen. Ein Stein am Rondell, dessen Kulisse heute zweckmäßige Lebensretter-Hütten bilden, würdigt Dr. Peter Henningsen (1818 bis 1897) als Initiator des Strandbades. Im "Flensburger Straßennamen"-Buch von Dieter Pust datiert der Arzt Henningsen die Eröffnung auf den 1. August 1873, und zwar mit "40 Badezellen, für Schwimmer, Nichtschwimmer und Damen".

Anfang der 1880er Jahre habe man "den Wert von Hygiene und Erholung auch für die Arbeiterbevölkerung erkannt", schreibt Schlaber. Gleichwohl kamen "auch finanziell besser gestellte Bürger gerne hierher". Denen dürfte die Ansicht der noch neuen Straße des Ostseebadweges von 1875 gefallen haben, später des Villenviertels zwischen Apenrader Straße und Förde. Dieses wurde laut Gerret Liebing Schlaber ab 1910 erschlossen, voll ausgebaut indes erst in den 1920er Jahren, nachdem die "Heimstättenbaugenossenschaft Friedrichshöh" es erworben hatte.

"Mit zunehmender Industrialisierung hat sich der Norden verändert", beobachtet Renate Delfs. Wenngleich mancher die Werft halle auch als Schönheitsfleck im schönen Stadtteil hätte bewerten können, gewannen andere dem Neubau Vorteile ab: "Gut, dass sie auch im Winter bei Kälte drinnen weiterbauen können", habe man gesagt. "An sich ist es jetzt hier richtig schön", sinniert Renate Delfs und nennt Rondell, duftende Rosen, Kinderspielplatz als gute Seiten. Selbst den Hundestrand vergisst die Tier- und Menschenfreundin in ihrer Aufzählung nicht.

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