Unterirdisches Flensburg : Der Rathaus-Bunker wird ausgemustert

Schließt binnen 20 Sekunden: Tor zum Bunker am Rathaus. Fotos: meissner
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Schließt binnen 20 Sekunden: Tor zum Bunker am Rathaus. Fotos: meissner

Flensburgs sicherstes Parkhaus: 2000 Menschen hätten im Krisenfall in der Rathaus-Garage Schutz gefunden

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21. August 2012, 06:43 Uhr

flensburg | Angenehme Kühle unterhalb des Flensburger Dienstleistungszentrums am Rathaus. Hinter den Einfahrtstoren der Rathaus-Garage liegt Flensburgs größter Bunker versteckt. In Zeiten des Kalten Krieges hätten hier 2000 Menschen Schutz gefunden. "Schutz wovor?" Roland Rossig, Vorsitzender des Vereins "Unter Hamburg" wirft die Frage in den Raum. Mit seinen Kollegen organisiert er Führungen durch Bunkerbauwerke, auch in Schleswig-Holstein.

Schutz hätte das Bauwerk, das mit zwei bis drei Metern Deckenstärke zu den stabilsten seiner Art gehört, vor konventionellen Angriffen geboten. Der Bodenexplosion einer 80-Kilotonnen-Atomwaffe soll der Bunker zwar standhalten, der Abstand zur Explosion wurde aber nicht genannt. Selbst wenn die hermetisch abgeriegelten Tore der Druckwelle standgehalten hätten, die Menschen hätten nach rund zwei Wochen wieder ins Freie gemusst. Für einen längeren Zeitraum hätten die Lebensmittelvorräte nicht gereicht. Doch welche Welt hätte sie dann erwartet?

In der Ende 1968 fertiggestellten Mehrzweckanlage stehen ganz normale Fahrzeuge aus dem Wagenpark der Stadt Flensburg. Im Krisenfall hätten die Autos zur Not mit Hilfe rollbarer Wagenheber entfernt werden und Betten aufgestellt werden müssen. Die Logik, die sich auf der weltpolitischen Bühne mit stetig zunehmender Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs abzeichnete, blieb auch für den Flensburger Bunker nicht folgenlos. So ging man anfangs von einer Alarmierungszeit von einem halben Jahr aus, später wurden daraus drei Monate. Mit der Entwicklung von Langstreckenwaffen war die Zeit, um den Bunker zu belegen, schließlich bei sieben Minuten angelangt. "Illusorisch, in dieser Zeit die Anlage in Betrieb zu setzen und Lebensmittel einzulagern", sagt Rossig.

Schutz für 2000 Personen bedeutet nicht ebenso viele Schlafplätze. Rund ein Drittel hätte für rund acht Stunden schlafen können. "Da bleibt das Bett immer warm". Der Alltag im Bunker wäre überschaubar. Schlafen und Essen. Ein Teil der Personen würde an der Technik arbeiten oder die medizinische Versorgung leisten. Die Nahrungsversorgung würde aus einer verhältnismäßig kleinen Küche erfolgen. Der Zugang zum Schutzraum geschieht über eine Schleuse, in der die Menschen dekontaminiert werden und der Unterdruck aufgebaut wird. Dieser ist notwendig, um eine radioaktive Verunreinigung des Innenraumes zu verhindern. Ein Blick in das Büro des Bunkerwartes zeigt High-Tech der 60er Jahre. Der Kalender über dem Schreibtisch schreibt das Jahr 1996. Eine Hifi-Anlage, die neben Meldungen für die Bunkerbewohner auch Musik von einem Kassettenspieler wiedergeben könnte. Daneben der Warnstellenempfänger: Hier hätte die Flensburger Bunkerbesatzung Meldungen des Warndienstes aus Hohenwestedt empfangen. Im Raum nebenan steht das Bedienpult für die Schleuse. "Wenn die Belegungszahl erreicht wäre, würden hier die Schleusen nach außen geschlossen werden, man kann sich vorstellen welche Dramen sich dann vor der verschlossenen Tür abspielen würden", sagt Rossig.

Zur Belüftung und Stromerzeugung stehen zwei Dieselmotoren bereit. Auch heute sind sie ständig vorgewärmt und sofort einsatzbereit. Dies wird sich jedoch in absehbarer Zeit ändern, denn der rund 150 Meter tiefe Brunnen macht Probleme und soll verschlossen werden. Wenn dies geschehen ist, wird der Bunker aufgegeben werden.

Vorraussichtlich werden auch in Zukunft Rundgänge durch "Unter Hamburg" stattfinden. Informationen im Internet unter: www.unter-sh.de

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