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Kommissar geht in den Ruhestand : Der Rächer der Reingelegten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Polizeikommissar Bernhard Stitz wurde zum Alptraum der Verkaufsfahrt-Veranstalter: Jetzt geht er in den Ruhestand und hat Lust auf neue Aktionen

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2015 | 18:26 Uhr

Flensburg | Endlich Ruhestand! Bernhard Stitz hängt die Polizeimütze an den Nagel – und das ist definitiv die schlechte Nachricht 2016 für eine Branche, die mit ihren berüchtigten Kaffeefahrten Millionenumsätze generiert. Der 62-jährige Flensburger wird ab nächsten Monat nämlich wieder viel Zeit für ein Hobby haben, mit dem er es zu bundesweiter Bekanntschaft gebracht hat. Als „Rächer der Reingelegten“ machte sich Stitz bei Veranstaltern der (fast) kostenlosen Kaffeefahrten mit eingebauter Werbeverkaufsveranstaltung so unbeliebt, dass ihm für eine geplatzte illegale Show schon mehr als einmal Prügel angedroht wurden.

Kurz vor Weihnachten hat er seine Dienstwaffe abgegeben, abends in der Neustadt, und Milde walten lassen, als ein junger Radler ohne Licht seinen Weg kreuzte. Eigentlich macht das 25 Euro. Aber Stitz ließ den jungen Mann vom Haken, unter der Bedingung, dass er sich für die gesparte Strafe eine Fahrradbeleuchtung anschafft. So großzügig war er meistens nicht. Schon gar nicht auf den Kaffeefahrten, auf denen trickreiche Gauner Deutschlands Senioren wertlosen Tinnef zu gepfefferten Preisen andrehen.

Mehr als 100 Mal war Bernhard Stitz als Spielverderber dabei. Anfangs unerkannt, später schon fast im Promi-Status. Da fuhr manch einer in der Hoffnung mit, Bernhard Stitz würde die Maske fallen, die betrügerische Verkaufsparty platzen lassen und so zusätzlich noch ein bisschen Leben in die Bude bringen. Ganz zu Anfang, Mitte der 80er, war das noch nicht der Fall. Da wurde Stitz Zeuge, wie Mutter Ursula sich für den erkrankten Gatten eine überteuerte Lama-Decke für 600 Mark andrehen ließ. Sohn Bernhard beschloss damals, künftig besser auf die Generation seiner Mutter aufzupassen, die von windigen Unternehmern unter Vortäuschung toller Gewinnspiele und sagenhafter Schnäppchen aufs Land gekarrt und dort nach allen Regeln der Propagandistenkunst abgezockt wurde. Im Landgasthof XY, dem Tatort Kaffeefahrt.

Warum hat er sich das bloß angetan? Die polizeilichen Überstunden im Rentnerbus auf der Landstraße abzubummeln? Sich (anfangs) von verstimmten Mitreisenden als Spielverderber beschimpfen, von wütenden Veranstaltern mit Prügel bedrohen zu lassen? „Ich bin mit 17 zur Polizei gegangen, weil ich für das Gute kämpfen wollte“, sagt Stitz. Und in diesen Zusammenhang ordnet er auch seinen Feldzug gegen die Verkaufsfahrt-Mafia ein. „Ich bin einfach gerne Schutzmann. Auch in meiner Freizeit.“

Dafür haben ihn seine Rentner nicht immer auf Händen durchs Lokal getragen. „Manchmal war es schon so, dass ich Gegenwind bekam. ’Der macht doch auch nur seine Arbeit’, ’wollt ihr uns das auch noch wegnehmen’ und so.“ Aber später, sagt Stitz, später hat sich der Wind gedreht. Da kam er als Nachzügler in eine Verkaufsshow und wurde Zeuge, wie drei Senioren den Chefverkäufer kritisch in die Mangel nahmen. Das kann er sich nach 30 Jahren Kampf getrost auf die Fahne schreiben. Jungbrunnen-Pillen für 5000 Euro, Bettwäsche mit Aloe Vera-Imprägnierung und Matratzen mit wunderheilsamen Magnetfeldstreifen – das verkauft sich nicht mehr so leicht, seit sich Bernhard Stitz für den Verbraucherschutz engagiert.

Sein Kreuzzug gegen die windigen Unternehmen bescherte dem Flensburger einige Bekanntheit. Er war zu Gast bei Maischberger, Lanz, Elsner, Fliege, Delling, er bespielte das Frühstücksfernsehen und Vorabendprogramm vieler Sender. Unerkannt zu operieren war ihm manchmal einfach unmöglich, manchmal half ein falscher Bart, meistens aber nicht. „Ich bin gelegentlich schon von Busfahrern hinauskomplimentiert worden.“ Unvergessen ein Einsatz für das ZDF, der schon vor dem Höhepunkt vorbei war. „Mich haben sie erkannt, Markus Lanz neben mir aber nicht“, grinst der „Rächer“.

Ab Freitag also ist er Pensionär. Da hat er wieder Zeit für die Jagd, wie er sein Hobby nennt. Nach dem jüngsten Stellenabbau bei der Flensburger Polizei fehlte einfach die Zeit. Insofern können bis auf die Veranstalter alle auf kommende Verkaufsfahrten freuen. Bernhard Stitz ist wieder unterwegs.

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