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Meister der Krisen : Der Professor im Zentrum des Orkans

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Manfred Blohm erlebte Sturm Christian im abgedeckten Uni-Hauptgebäude – und war nicht zum ersten Mal direkt betroffen

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2013 | 08:50 Uhr

Anstatt mit einem Jahresrückblick samt Zahlen und Daten erinnert die Tageblatt-Redaktion an wichtige Flensburger Ereignisse des Jahres aus der Sicht Betroffener oder Handelnder. Heute: Wie Kunstprofessor Manfred Blohm im Orkan Christian zum Meister der Krisen wurde.

Nach Lage der Dinge muss der Polygon Vatro in den Weihnachtsferien durcharbeiten. Mit einem mächtigen Schlauch saugt dieser himmelblaue Riesentrockner die Feuchtigkeit aus dem 5. Stock im Südflügel des Uni-Hauptgebäudes. Das Motorengeräusch der Saugmaschine ist weit hörbar über den ansonsten gerade ziemlich still ruhenden Campus Sandberg.

Der Saugschlauch führt genau ins Büro von Kunstpädagogik-Professor Manfred Blohm (59). Sein Büro in der 5. Etage des Uni-Südflügels liegt sozusagen im Epizentrum der Zerstörung, die Orkan Christian mit seinen bis zu 190 Stundenkilometer schnellen Böen am 28. Oktober am Hauptgebäude angerichtet hat.

Es war der erste Vorlesungstag des neuen Semesters. Blohm kann sich noch genau erinnern an jenen Augenblick gegen 14.30 Uhr, als das Dach mit Teilen der Verkleidung vom Südflügel des Neubaus riss. Er sei in seinem Büro gerade im Gespräch mit einer Studentin gewesen: „Es gab einen Riesenknall“, erzählt Blohm. Dann seien sie auf den Flur gerannt. Offensichtlich war das Oberlicht im- oder explodiert. „Der Sturm, der zuerst darußen war, war plötzlich drinnen.“ Blohm erinnert sich an kreischende Studierende zwischen Stücken der Dachverkleidung und an eine Decke, die sichtbar Risse bekam. Bilder wie aus Katastrophenfilmen, die den Kunstprofessor immer noch beschäftigen. Im 2. Stock hätten sich Studenten und Dozenten dann gesammelt, bis man mehrere Stunden später in Gruppen aus dem Gebäude geführt worden sei. Was das Erlebnis mit ihm gemacht habe? „In der Situation dachte ich, ich wäre ganz cool“, sagt Blohm. Doch nach ein paar Wochen seien die Schlafstörungen gekommen.

Seit Sturm Christian empfängt Professor Blohm im Medienlabor des Uni-Erweiterungsbaus. Er teilt es sich zwischen Notebook, Akten und Taschen samt Kameratechnik mit seinen drei Mitarbeitern. Nach dem glücklichen Ende ohne Personenschaden gewinnt Blohm den Sturmfolgen mittlerweile auch Positives ab: „Wir haben hier eine kreative Arbeitsatmosphäre.“ Und: Da die Decken und Wände komplett ausgetauscht und saniert werden müssen, können die Uni-Mitarbeiter nun ganz neue Entwürfe vorlegen, wie die Räume neu zugeschnitten werden sollten.

Ein bisschen hat es den Anschein, als würde Manfred Blohm das Unglück anziehen – oder zumindest die Krise. Im Februar 2008 stürzte die komplette Rigipsplattenverkleidung von der Decke seines Kunstseminars im gleichen Hauptgebäude – keine 30 Minuten, nachdem der damalige Prorektor mit 16 Studenten den Saal verlassen hatte.

Zwei Tage nach dem Orkan fuhren Blohm und seine Professoren-Kollegin Ines Heindl bei der Schadensbegutachtung mit dem Hausmeister Fahrstuhl – und blieben stecken. Manfred Blohm bevorzugt jetzt die Treppe. Er hat ausgerechnet: „Jede Stufe verlängert das Leben um drei Sekunden.“

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