Erster Arbeitsmarkt : Der nette Kollege vom Holländerhof

VW-Bulli kann er auch: Fabian Petersen hat seit neuestem den Führerschein und ist „Cheffahrer“ der Holländerhof-Gruppe, die bei Trixie in Tarp arbeitet.
VW-Bulli kann er auch: Fabian Petersen hat seit neuestem den Führerschein und ist „Cheffahrer“ der Holländerhof-Gruppe, die bei Trixie in Tarp arbeitet.

Fabian Petersen (25) schafft was weg – als Kommissionär beim Tarper Branchenprimus Trixie für Heimtierbedarf.

shz.de von
03. Juni 2014, 09:15 Uhr

Fabian Petersen erreicht man nur auf Umwegen. Zum Arbeitsplatz des Flensburgers sind es ab Eingang des gewaltigen Hallenkomplexes an der Tarper Industriestraße gut und gerne ein paar hundert Meter – bei reichlich Verkehr. Bis unters Dach türmen sich hier beim europäischen Marktführer für Heimtierbedarf meterhoch dicht gepackte Europaletten. Laut Firmenprospekt über 60 000 Palettenstellplätze auf 43 000 Quadratmetern Lagerfläche. Und die sind meistens in Bewegung.

Die Luft ist erfüllt vom Heulen der „Ameisen“, der Elektrofahrzeuge, die im Eiltempo Ladung befördern. Eines ihrer Ziele ist der Arbeitsplatz von Fabian. Der 25-Jährige und acht Kollegen kommissionieren hier aus dem Riesensortiment Waren für den europaweiten Versand. 300 Mitarbeiter hat „Trixie“ im Tarper Stammhaus, doch diese neun Arbeitsplätze sind etwas Besonderes. Hier sind Bewohner des Holländerhofes Teil des Getriebes, vollwertige Mitarbeiter und Kollegen.

Reiner Klepischewski (40) ist für die Flensburger Wohn- und Werkstätten-Einrichtung seit vier Jahren als Arbeitsbegleiter für den Aufbau der ausgelagerten Arbeitsgruppen zuständig. Er ist zufrieden mit seinen Jungs – und mit ihrem Arbeitgeber. Eher zufällig, erinnert sich Klepischewski, habe er damals in Tarp angehalten. „Wir hatten in der Werkstatt in Heide Nistkästen gefertigt. Ich dachte, fragst du hier mal, ob das ausbaufähig ist.“ War es. Trixie suchte nämlich gerade eine Arbeitsgruppe für den Lagerbetrieb. „Vier Leute machten den Anfang. Dann ging es ratzfatz.“

Die Zusammenarbeit entwickelte sich zu einer echten Win-Win-Geschichte. Arbeitskräfte für Trixie, Arbeitsplätze für den Holländerhof, der in den vergangenen Jahren verstärkt das Ziel verfolgt, seine Bewohner wo immer möglich in die Nähe des ersten Arbeitsmarktes anzusiedeln. „Zu unserer Freude hat der Arbeitgeber immer mehr aufgestockt!“ Aktuell betreut Klipischewski in Tarp neun Bewohner, die sich morgens in aller Frühe vom Preesterbarg aus in Richtung Tarp in Bewegung setzen. Mehr geht nicht“, sagt Klepischewski. „Dann ist der Bus voll.“

Den fährt Fabian. Im April hat er sich seinen Herzenswunsch erfüllt und den Führerschein gemacht. „Gerade vier Monate hat er gebraucht“, lobt Solvejg Goldbach, im Holländerhof zuständig für die sozialen Dienste. Gut, die Einrichtung half beim Büffeln und aus Eigennutz auch finanziell, weil zuvor Klepischewski fahren musste. Aber am Ende standen für Fabian ein glatter Null-Fehler-Ritt und das Vertrauen seines Betreuers. „Ich würde mich jederzeit und überall hin von ihm fahren lassen“, sagt der Chef.

Für die meisten der rund 380 Bewohner wird das ein Traum bleiben. Gerade zehn haben Lizenzen für Autos, Gabelstapler und landwirtschaftliche Maschinen. Das ist den höchst unterschiedlichen Graden der Handicaps geschuldet, mit denen Bewohner und Betreuer umgehen müssen. Weitestgehend selbstständig wie Fabian arbeiten aktuell in Außenbetrieben 19 Leute – in ausgelagerten Werkstatteinzelplätzen wie bei Horn Tecalemit oder Dat-Repair, im Gartenbau, in Kantinen, in der hauseigenen Wäscherei. „Zum Teil sind unsere Leute zu sehr komplexen Tätigkeiten fähig“, sagt Solvejg Goldbach. Dass in der Belegschaft Vollbeschäftigung herrscht, ist Auftrag an sie und ihre Kollegen. „Wir müssen für jeden einzelnen die Qualitätsansprüche auf seine Fähigkeiten und Bedürfnisse herunterbrechen. Jeder soll seinen Beitrag leisten können. Jeder bei uns kann was“, sagt die 40-Jährige.

Dieses Solidarprinzip ist am Preesterbarg sauber durchdekliniert worden. Die Einnahmen aus gewerblicher Tätigkeit fließen in ein hauseigenes Tarifmodell, das jedem Bewohner jenseits der von der Einrichtung gebotenen Rundum-Versorgung einen persönlichen Spielraum verschafft. Fabian, der Fortgeschrittene, ist mit 489 Euro im Monat dabei, die er weitgehend selbst erwirtschaftet. Für ein eigenes Auto wird das nicht reichen. Aber er hat ja den Holländerhof. Und immer was zu tun.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen