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Flensburger Tageblatt

18. August 2017 | 07:52 Uhr

Der Marzipan-Mann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Holger Matthiesen hat einen Hinterhof in der Altstadt für sich entdeckt – und verkauft seit Juni im Haus von 1780 lauter kleine Sünden

Der Mann und die Frau sehen aus wie erfahrene Flensburger. Er hat sie gerade vom Friseur abgeholt. Beide haben den Aufsteller an der Angelburger 25 gesehen und sind neugierig geworden, was sich wohl hinter dem Marzipan-Speicher im Hinterhof verbirgt. Hier waren sie noch nie. Und sie werden keineswegs die einzigen gestandenen Flensburger sein, denen es so ergeht. Der schmale Gang zwischen hohen Häuserwänden, der treppab in den ersten Hof führt, wird noch enger und mündet schließlich in den zweiten Hof, der sich zwei Wände mit der Flensburg-Galerie teilt. So weit muss man sich erst einmal vorwagen in unbekanntes Terrain.

Holger Matthiesen hat es gewagt. Für seinen Laden, den er im Juni öffnete, habe er ursprünglich in der Umgebung der Norderstraße gesucht, bis ihn Freunde auf das Kleinod unweit vom Südermarkt hinwiesen. Und der 68-jährige Flensburger häkelt gleich eine Geschichte um die Lage: 165 Kilometer liegen zwischen Flensburg und der Marzipanstadt Lübeck. „Nun ist Lübeck mit seinem Produkt ins Herz von Flensburg gezogen“, sagt Matthiesen. Und 165 Schritte seien es vom Südermarkt bis zum Marzipan-Speicher in der Angelburger Straße 25, ergänzt er und lächelt herausfordernd.

Fast 34 Jahre habe er als Handelsvertreter für Lekkerland gearbeitet und sei verantwortlich für die deutsch-dänische Grenzregion gewesen. Er versteht etwas davon, hat den Künstler Rups Leiß für das liebenswerte Eichhörnchen-Logo gewonnen und kennt alle Produzenten seiner Ware persönlich.

„Wie chic“, sagt die Dame, die sich mit ihrem Mann nach dem Friseur in den neuen Laden locken ließ. „Alle Produkte, die Sie hier sehen, werden in Schleswig-Holstein hergestellt, weil ich gern wissen möchte, mit wem ich zusammenarbeite“, erklärt Holger Matthiesen dem Paar. Marzipanrohmasse aus Lübeck bietet er an, aber auch experimentierfreudige Leckerlis mit Datteln oder Karamel. Geistige Getränke zieren die Regale, darunter Urstrom und Whiskey und fruchtig hochprozentige Wässerchen aus Dollerup. Wer will, kann auch Cashews, Erdnüsse, und Pistazien, sogar Quinoa zum Knabbern kaufen – und ausnahmsweise Weine aus der Ferne, aber von Winzern, die der Flensburger persönlich kennt. „Wein und Marzipan passen wunderbar zusammen“, sagt Matthiesen und empfiehlt hier rote.

Die Einrichtung ist urig und passt zum Gebäudecharakter von 1780. So sagt es der Zahlenanker draußen am Giebel, wenngleich das Material über die Historie des Ensembles nicht sonderlich ergiebig sei, muss Eiko Wenzel einräumen. Der Experte für Denkmalschutz und Stadtbildpflege aus dem Fachbereich Entwicklung und Innovation weist auf die besondere Form des Durchfahrtsspeichers mit „korbbogigen Toren“ hin und zitiert aus der Topographie der Kulturdenkmale. Darin werden die Flügelbauten aus dem späten 18. Jahrhundert hinter der Nummer 25 erwähnt, die zweigeschossig in geschlämmtem Backsteinmauerwerk, zum Teil mit Fachwerk errichtet wurden. Wenzel hat hervorragende Fotos gemacht zum Jahreswechsel 2004/2005 von der Hofrückseite (von Norden aus) nach den ersten Abbrüchen auf den Grundstücken der späteren Flensburg-Galerie und im Sommer 2005 von den schon sanierten Höfen bei laufender Großbaustelle. Die dokumentieren eindrücklich die Veränderung.

Zu früheren Zeiten war noch der Hafen an dieser Stelle, wo jetzt sein Marzipan-Speicher steht, hat Holger Matthiesen hat in Erfahrung gebracht. Für die obere Etage hat der 68-Jährige noch viele weitere Ideen – von der Chocolaterie bis hin zu wechselnden Ausstellungen. Und wie ein Regisseur von einem Film hat auch er immer schon eine Vorstellung, wie das umgesetzt werden soll. Selbst der Gedanke an Weihnachten – was wäre es ohne Marzipan – liegt dem kommunikativen Flensburger im Sommer nicht fern. Und die Bücher hier und da deuten schon auf die Kooperation mit dem Weihnachtshaus in Husum hin.

marzipanspeicher-flensburg.de

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erstellt am 19.Jul.2017 | 06:42 Uhr

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