Der Lieblingsplatz heißt wie die Tochter

15 Jahre danach: Thorsten und Jule Roos am Julesee Foto: jung
15 Jahre danach: Thorsten und Jule Roos am Julesee Foto: jung

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21. August 2010, 03:59 Uhr

oeversee | Gleich doppelt betreut Thorsten Roos als Geschäftsführer Naturschutzprojekte: für den Naturschutzverein Obere Treenelandschaft ebenso wie für den Förderverein Mittlere Treene. Obwohl er beruflich also mit paradiesischen Winkeln en masse zu tun hat, muss er keine Sekunde überlegen, wenn er gefragt wird, welcher davon denn sein Lieblingsplatz sei. Es ist der Julesee auf dem Gemeindegebiet von Oeversee.

Man findet ihn, wenn man die Schnellstraße Flensburg-Schleswig unweit des Historischen Kruges an den Wegweisern nach Augaard und zum ADS-Naturkindergarten verlässt. An der nächsten Abbiegung den Schildern nach Augaard folgen, die kleine Häuseransammlung durchqueren - dann liegt, bevor die Straße eine scharfe Biegung nach links macht, rechter Hand ein Parkplatz für drei, vier Autos. Von hier aus sieht man das einen Hektar große Gewässer schon durch die Bäume hindurchschimmern. Ein Fußweg führt über 1,3 Kilometer einmal um den Teich, mit dessen Namen Roos eine ganz besondere Geschichte verbindet. Er ist auf niemand Geringeren getauft als auf seine Tochter Jule.

Der Ort war außerhalb der Entbindungsstation in Flensburg das Allererste von der Welt, das sie vor 15 Jahren mitbekam. Der Naturschützer hatte sein Baby und seine Frau Anfang März gerade aus der Klinik abgeholt, da konnte er es nicht lassen, auf dem Weg in sein ländliches Zuhause in Hostrup einen Zwischenstopp an diesem winzigen See einzulegen. Das Gewässer war eines der allerersten, die er zur Wiederherstellung des natürlichen Wasserhaushalts in der Treenelandschaft hatte anlegen lassen. Bei dem Halt konnte er voller Freude feststellen: Durch das schlichte Entfernen eines Drainagerohrs hatte sich in dem abgetorften Moor binnen weniger Wochen so viel Regenwasser gesammelt, dass sich der heutige Seencharakter schon abzeichnete. "Es war ein Erfolgserlebnis, das mich für meine weitere Arbeit motiviert hat", sagt Roos. "Meine Frau hielt mich jedoch für verrückt, weil es ein ganz rauer Spätwintertag war, an dem wir unsere Tochter hier im Maxi-Cosi (so heißt die Kunststoffschale zum Tragen von Babys, Anm. d. Red.) durch die Kälte trugen. Sogar Hagelkörner fielen. Die hat sie mit der Zunge abgelutscht."

Fortan war wegen dieser Episode zunächst im Familienkreis immer vom "Julesee" die Rede, sobald das Gespräch auf diesen ersten Ausflug des Säuglings kam. "Irgendwann fiel der Begriff dann auch gegenüber der Außenwelt und hat sich verselbstständigt", schildert Roos. Gefördert worden sei dies wohl durch das Örtchen Juhlschau, das in Richtung Norden nahedran liegt. Heute steht die Bezeichnung Julesee auch auf Landkarten, unter anderem denen, die die Tourismusorganisation Grünes Binnenland herausgibt.

Jule selbst hat der raue Erstkontakt mit der Natur nicht geschadet: Sie bezeichnet sich als "richtigen Draußen-Typ", der bei jedem Wetter gern unter freiem Himmel unterwegs ist. Immer wieder gerne auch an "ihrem" See, aber ebenso an vielen Plätzen der Umgebung. Seit kurzem leitet sie - als einziges Mädchen der Gruppe - die Waldjugend Fröruper Berge.

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