Von Flensburg nach Basel : Der letzte Nachtzug

„Man sparte einen ganzen Urlaubstag“: Martin Klatt und Alice Reinke trauern dem Nachtzug Kopenhagen – Basel hinterher.
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„Man sparte einen ganzen Urlaubstag“: Martin Klatt und Alice Reinke trauern dem Nachtzug Kopenhagen – Basel hinterher.

Die Schlafwagen-Verbindung von Kopenhagen nach Basel, für Flensburger jahrelang eine bequeme Reisemöglichkeit, wird Montag eingestellt.

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01. November 2014, 09:00 Uhr

Flensburg/Kopenhagen/Basel | Morgen Abend fährt er zum allerletzten Mal. Danach ist der CNL 473 Geschichte. Jener Nachtzug, den die Bahn schnittig City Night Line (CNL) nennt und der in einer einzigen Nacht von Kopenhagen im Schlaf quer durch Mitteleuropa bis nach Basel führte. Für Flensburger war Nordeuropas einziger Nachtzug besonders günstig.

Beim Start um 22.38 Uhr war man müde genug, um gleich einzuschlafen – und wenn man um 6.40 Uhr in Frankfurt oder eine Dreiviertelstunde später in Mannheim aussteigen wollte, hatte man bereits den ersten heißen Kaffee und ein frisches Brötchen am Klappbett gefrühstückt. Das geht Montagfrüh zum letzten Mal. Dann ist die Nord-Süd-Verbindung über Flensburg als einzige noch vor dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember weggespart. Flensburg ist damit vom Netz. Vom Netz der Nachtzüge.

Das letzte Mal fühlt sich irgendwie komisch an. Und es ist für sie alle das letzte Mal. Alle, die um 22.38 Uhr mit Rollkoffer oder Seesack in den rotweißen Schlafwagen schieben. Der Flensburger Martin Klatt hat die Nachtverbindung in den tiefen Süden immer gern genutzt: „Nach Straßburg ist es die beste Verbindung gewesen“, lobt er. Besser als jede Fluglinie, da man doch nur von Hamburg bis Karlsruhe fliegen konnte. Im Sommer noch ist er mit seinem Sohn im Liegewagen in die Schweiz gefahren. 22.38 Uhr Flensburg – 09.47 Uhr Basel. „Man sparte einen ganzen Urlaubstag.“ Donnerstagabend fuhr er gemeinsam mit Alice Reinke bis Köln und dann weiter nach Brüssel. Gut, der Nachtzug habe häufig Verspätung gehabt, erinnert Alice Reinke: „Mit der Brötchentüte in der Hand sind wir schnell auf den nächsten Bahnsteig“ – so wird ihr der CNL 473 in Erinnerung bleiben.

Andere erinnern vielleicht das nächtliche Geruckel in Südniedersachsen, wenn der Nachtzug irgendwo zwischen Hildesheim und Hannover in mehrere Teile zerlegt und als Zug Richtung Amsterdam, Prag oder eben Basel wieder zusammengesetzt wurde.

Der Flensburger Unternehmer Hans Protschka nutzte den Nachtzug noch einmal für eine Stippvisite nach Stuttgart: „Ich teste das nochmal“, erklärte er am Bahnsteig. Auch er findet das Aus schade.

Für Daniel Buschmann war das letzte Mal Nachtzug zugleich das erste Mal Nachtzug. Er habe das nächtliche Angebot gerade erst für sich entdeckt und fährt jetzt schnell noch einmal über Nacht nach Köln: „Das ärgert uns sehr“, sagt er und blickt zu seiner Begleiterin Gudrun Teichmann: „Der Zug war ja vor allem wichtig für uns Flensburger, wegen der großen Distanzen.“

Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis erklärt das Aus mit dem defizitären Nischengeschäft Nachtzug: „So ging die Nachfrage insgesamt im Zeitraum der letzten zehn Jahre um rund 30 Prozent zurück.“ Viele Wagen erreichten in Kürze ihre maximale Lebensdauer. „Neuinvestitionen lassen sich aus dem Geschäft heraus nicht erwirtschaften.“ Allerdings macht Meyer-Lovis auch ein kleines bisschen Hoffnung: „Die Nachtzüge sollen erhalten bleiben. Wir arbeiten an einem Konzept für die Zeit ab Dezember 2015, um dieses Geschäft zukunftsfähig zu machen.“ Nach dem Kopenhagen-Zug wird allerdings zunächst auch die Anbindung nach Amsterdam und Paris wegfallen.

Klar ist: Wirklich gut sind die Zukunftsaussichten nicht. Am Bahnsteig 1 wird eine 19-jährige Marinesoldatin zum Zug gebracht. Um 7.50 Uhr wird sie in Mannheim abgeholt. Wenn alles klappt: Auf dem Hinweg hatte sie 86 Minuten Verspätung.

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