Der Körper ist das Instrument

Statt des ersten Autos kaufte sich Gesa Thomsen ein Klavier. In ihrem Studio 'KlangTräume' in Treia unterrichtet die 'atemzentrierte Stimmbildnerin', die einst Lehrerin werden wollte,  heute über 40 Schüler.  Foto: Kleimann-Balke
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Statt des ersten Autos kaufte sich Gesa Thomsen ein Klavier. In ihrem Studio "KlangTräume" in Treia unterrichtet die "atemzentrierte Stimmbildnerin", die einst Lehrerin werden wollte, heute über 40 Schüler. Foto: Kleimann-Balke

Gesa Thomsen aus Treia ist Stimmbildnerin, konzentriert sich dabei ganz auf ihren Körper - und vermittelt dies im Gesangs- und Klavierunterricht

shz.de von
27. Dezember 2012, 06:52 Uhr

Treia | Eine kleine Sitzecke mit Korbmöbeln, ein Klavier, ein Keyboard, ein paar alte Instrumente und ein Skelett - auf den ersten Blick verwundern diese schlichten vier Wände, suggeriert der Name "KlangTräume" über dem Eingang doch etwas anderes. Aber es ist nicht die Architektur, die den Raum für Klänge schafft, sondern eine Person, die ihn mit Musik und noch viel mehr füllt: Gesa Thomsen - Gesangs- und Klavierlehrerin in Treia.

"Das hätte ich nicht zu hoffen gewagt!", erstaunt es Gesa Thomsen noch immer. Als sie vor eineinhalb Jahren diesen Raum im Zentrum von Treia bezog, war noch nicht daran zu denken, dass ihre "KlangTräume" so gut angenommen würden. Einen so unkonventionellen Weg zu gehen, hatte sie nicht eingeplant. Sie war zwar schon immer musikalisch, spielte neben Klavier auch Orgel, studierte aber ganz solide Kunst und Germanistik, um Lehrerin zu werden; das Lehramt, bemerkte sie nach dem ersten Staatsexamen, wäre auf Dauer jedoch nichts für sie gewesen. Der gedachte Lebensweg nahm eine völlig andere Wendung: "Meine Eltern haben mir Gott sei Dank ermöglicht, nach Berlin zu gehen", erzählt sie.

Dort absolvierte sie eine Ausbildung zur "atemzentrierten Stimmbildnerin". Seit der Rückkehr in den Norden arbeitet sie als Gesangs- und Klavierlehrerin, leitet verschiedene Chöre, unter anderen auch den "Nicolai Singkreis" in Treia, den sie inzwischen seit sechs Jahren begleitet. Vor zwei Jahren führte ihr Weg dann ganz zurück in die Heimat. Zufällig war das Ladenlokal auf dem zentralen Platz gerade frei und Gesa Thomsen nutzte die Chance - wenn auch mit ein bisschen Bauchschmerzen, denn natürlich waren auch Zweifel da: "Ich wusste nicht, wie hoch der Bedarf ist", erzählt sie. Aber der Bedarf war und ist hoch. Die Zahl der Schüler, die sie in Gesang und dem Klavierspiel unterrichtet, ist auf 40 angestiegen.

Dass Singen weit mehr ist, als den Mund zu öffnen und schwingende Töne hervorzubringen, müssen die Meisten ihrer Schüler zuerst lernen: "Der Körper ist das Instrument", erklärt sie, "und zu dem muss man einen Bezug herstellen". Das Geheimnis ist also die eigene Körperwahrnehmung. Nur wer Kontakt zu seinem Körper herstellen kann, kann auch gut singen - wobei das Wort "gut" falsch gewählt ist. Gut ist, was Spaß macht. Singen soll in erster Linie Freude bereiten, locker machen und dem Singenden Kraft geben, so Thomsen. Das Ziel des Gesangsunterrichtes ist es, seine eigene Stimme zu finden. Wer sich vornimmt, nach einem Jahr Gesangsunterricht Arien zu singen, wird vermutlich enttäuscht werden. "Es ist mir ganz egal, ob jemand gut singt", findet Gesa Thomsen. "Wichtig ist, das er sich auf den Weg macht, die Schönheit und Einzigartigkeit seiner eigenen Stimme zu finden, und diese dann zu fördern." Und genauso gestaltet sie ihren Unterricht. An oberster Stelle stehen nicht Theorie und Notenlesen, sondern Gefühl und Spaß. "Die erste Stunde ist meist eine absurde Situation", weiß sie, "zwar möchte man gerne singen, aber irgendwie ist es auch komisch und man ist aufgeregt - das ging mir genauso".

Deshalb führt sie ihre neuen Schüler ganz behutsam an das Singen heran. Sie fragt nach, warum der Betreffende singen möchte, was er sich vorstellt und was er gerne möchte. Dann werden ein paar Übungen am Klavier gemacht, um zu sehen, wie hoch und wie tief das Stimmspektrum ist. Manchmal kommt dann auch das Skelett zum Einsatz, an dem sie genau erklären kann, wo überall im Körper Töne entstehen können. Gerade ihre Debütanten behandelt sie wie rohe Eier: "Singen ist etwas sehr Intimes. Meine Schüler sollen sich bei mir wohlfühlen", unterstreicht sie. Mit großer Sensibilität hört sie auf die Bedürfnisse und die ersten zarten Tönen ihrer Schüler, gibt Hilfestellung und begleitet sie auf ihrem Weg zum Singen: "Ich hoffe sehr", bemerkt sie sehr selbstkritisch "dass ich ihnen genug Raum gebe, aber dennoch die nötige Verbindlichkeit vermittele, die sie als Hilfe benötigen".

Für das nächste Jahr plant Gesa Thomsen einige Veranstaltungen, so wie die "Lesung mit Musik", die vor ein paar Wochen stattfand und das Publikum begeisterte. Und weil sie von Musik gar nicht genug bekommen kann, singt sie nun auch noch in einer Band - französische Chansons. Man darf gespannt sein.

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