Der kleine Bruder der Mühlenteiche

Hans-Friedrich Kroll weiß fast alles über den Mühlenteich, hier am Kockeschünegang sieht man im Hintergrund den Turm des Stellwerks. Foto: Marcus dewanger
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Hans-Friedrich Kroll weiß fast alles über den Mühlenteich, hier am Kockeschünegang sieht man im Hintergrund den Turm des Stellwerks. Foto: Marcus dewanger

Wer sich auf die Suche nach dem Mühlenteich-Wasser macht, wird heute südlich des Bahnhofs am Kockeschünegang fündig

shz.de von
10. Juli 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | Als Stadt an der Förde, Stadt der Brunnen und Bäche ist das Element Wasser in Flensburg seit jeher präsent. In der Sommerserie nähert sich die Stadtredaktion dem Wasser aus unterschiedlichen Perspektiven zu unterschiedlichen Zeiten - einmal rund um die Uhr. Heute: Auf der Suche nach dem Mühlenteich.

Gibt es in Flensburg eine ruhigere Ecke als diese? 18 Uhr am Rest des alten Mühlenteiches - es geht kaum meditativer. Ins Wasser des Teiches hängen die Zweige der alten Bäume, Vögel zwitschern aus allen Richtungen, ab und an rauscht eine der alten Linden. Nicht einmal eine Ente zieht ihre Kreise auf dem Wasser. Die einzige Abwechslung in dieser ökologischen Kulisse bringt die Eisenbahn, die im Hintergrund auf dem Bahndamm von Kiel kommt.

Nein, ein stilleres Fleckchen ist in Flensburg kaum vorstellbar. Mehrere Wege führen durch das Grün zum Teich. Der einfachste: Ganz am Ende der Sackgasse Backensmühle führt hinter den Garagen ein Weg nach links. Etwa in der Mitte zweigt er nach rechts ab. Dann dem Gefälle hinterher bis zu dem Ruheplatz am Ufer des Teiches.

So ruhig die Ecke auch ist, um so spannender ist das Kapitel Stadtgeschichte, an das der Tümpel erinnert. Einer, der die Einzelheiten bis ins Letzte kennt, ist Hans-Friedrich Kroll, Umweltexperte der Stadtverwaltung und im Ruhestand und Stadtführer mit fester Fangemeinde. Vor Ort lässt er mit seinem Wissen eine Landschaft entstehen, die ein Traum von Stadtbild wäre - gäbe es sie noch.

Die kleine Pfütze an den Bahnanlagen ist ein Rest der beiden Mühlenteiche, die einst den Süden der Stadt prägten. Ihre Wasserfläche reichte vom Kloster zum Heiligen Geist bis hinter den Bahnhof, für den die Teiche in den 1920er Jahren zugeschüttet wurden.

Die "Mühle" im Namen der Teiche verweist auf die ehemalige städtische Wassermühle, die einst auf dem Grundstück des Kaufhauses C&A stand. Damit sie unabhängig von der Wetterlage laufen konnte, wurde das Wasser der Teiche gestaut. Nach ständigem Verlanden wurde die einstige große Seefläche zum ersten Mal geteilt: durch den Weg, den heute die Straße Munketoft nachzeichnet. Danach kam die Eisenbahn, die 1854 von Tönning aus Flensburg erreichte. Der Bahndamm - heutige Trasse der Hafenbahn - durchschnitt wieder das Wasser.

Schon damals gab es Flensburger, die das See-Idyll zu schätzen wussten. Der Verschönerungsverein legte einen Spazierweg an, der rund um die Teiche von der Altstadt bis hinter den heutigen Bahnhof führte und weiter bis Munketoft/Kanzleistraße und zum Hafermarkt. Die Flensburger Kaufmannsfamilie Valentin unterstützte das Projekt, indem sie das benötigte Gelände schenkte. Mit der Namensgebung Valentiner Allee wurde an die Spender erinnert. Um es schön zu machen, ließ der Verschönerungsverein Reihen von Linden pflanzen, die heute mehr als 130 Jahre alt sind.

Dann kam die Eisenbahn, und es war vorbei mit der Idylle. Der Bahnhof am Zob konnte nicht mithalten mit dem wachsenden Bahnverkehr. Auf der Suche nach einem neuen Platz nahmen die Planer den Südrand des Mühlenteiches in den Blick. Wohl in der Hoffnung, neue Fläche für die Stadt zu gewinnen, ließ die Stadt die gesamte Wasserfläche zuschütten - ein Projekt mit gewaltigen Ausmaßen und vielen Schwierigkeiten.

Der kleine Teich am heutigen Kockeschünegang ist nach Krolls Worten ein Rest des Uferbereichs des großen Mühlenteichs, dessen Wasser von den aufgeschütteten Bahnanlagen gestaut wurde. Dort baute die Bahn auch ein Wasserwerk, um einst die Dampflokomotiven zu versorgen.

Während des Gesprächs mit Kroll kommt gerade ein Fußgänger mit Hund vorbei. Der Umweltfachmann stellt sich die Frage, ob bei der geringen Resonanz die Anlage des Ruheplatzes mit Bänken und Infotafel sinnvoll war. Aber: Keine Passanten - keine Unruhe.

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