Regierungsbunker in Oeversee : Der Keller dieses Hauses war jahrelang ein Staatsgeheimnis

Unscheinbar: Gästehaus 1.
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Das Gästehaus 1 der Akademie Sankelmark ist unscheinbar – und doch ist es etwas Besonderes.

Ein Bunker in Oeversee sollte der Landesregierung während des Kalten Krieges im Notfall Zuflucht bieten. Ein Besuch nach 26 Jahren.

shz.de von
02. Januar 2017, 12:30 Uhr

Oeversee | Erika und Peter Weber stehen vor dem Eingang zum Gästehaus I, ein weißgetünchter schnörkelloser Backsteinbau auf dem Gelände der Akademie Sankelmark in Oeversee (Kreis Schleswig-Flensburg). So gewöhnlich und unauffällig sieht das Gebäude aus, dass wohl kein Spaziergänger einen zweiten Blick darauf verschwenden würde. Kein Schild weist auf das hin, was sich hinter dicken Mauern im Keller des Gästehauses versteckt. Und nichts an dem Rentnerehepaar Weber lässt vermuten, welches Geheimnis die beiden hier neun Jahre lang hüteten.

Peter Weber (77) zieht einen großen Schlüssel aus der Jackentasche und folgt seiner Frau Erika ins Innere und über eine Treppe ins Untergeschoss. Vor einer Tresortür bleiben die Webers stehen. „Ich bin zum ersten Mal seit 26 Jahren wieder hier.“ Erika Weber klingt fast erstaunt, dass es schon so lange her ist. Bis 1990 lag hinter dieser Tür ihr Reich: der Bunker „Simon“. Hier hielten die Webers während des Kalten Kriegs immer alles bereit, damit die Landesregierung im Krisenfall vom Bunker aus hätte weiterregieren können.

Regierungsbunker „Simon“: Lange Flure und Platz für 155 Menschen.
Michael Staudt
Regierungsbunker „Simon“: Lange Flure und Platz für 155 Menschen.
 

Früher ließ sich die Stahltür nur mit einem Zahlencode öffnen, heute reicht Webers Schlüssel, den er jetzt im Schloss umdreht. Er zieht die massive Stahltür auf: Von einem langen fensterlosen Flur mit Betonwänden und Betonböden gehen zu beiden Seiten nummerierte Stahltüren ab, an den Decken verlaufen Rohre und Kabel, das Licht kommt aus Neonröhren. „ABC-Schutzbau“ hieß der Bunker in der Behördensprache aus der Zeit des Kalten Kriegs: Räume, die sich im Fall eines Angriffs der Sowjetunion mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen eine Zeit lang hermetisch abriegeln lassen. „Zuletzt waren hier 155 Schutzplätze für eine maximale Aufenthaltsdauer von 30 Tagen“, erklärt Peter Weber. 30 Tage im Bunker, das bedeutete jederzeit genug Nahrungsvorräte, Wasser und medizinische Versorgung für so viele Menschen und Treibstoff für das Notstromaggregat vorzuhalten.

Die Aufgaben waren klar verteilt

Dafür war die heute 77-jährige Erika Weber zuständig: 1981 trat die ehemalige Telefonistin als Angestellte im Landesdienst die Stelle in Sankelmark an. Ihre Aufgabe: den Innenbetrieb des Bunkers managen, also die Anlage sauber halten und Handtücher, Bettwäsche, aber auch Leichensäcke verwalten. Erika Weber musste auch die Lebensmittelvorräte im Blick behalten: „Dazu gehörten Fertiggerichte, Suppen und Dauerware. Bevor das Haltbarkeitsdatum verstrich, habe ich sie aussortiert und an das DRK oder andere gemeinnützige Organisationen weitergegeben.“

Der gelernte Tischler Peter Weber war als Hausmeister beim Deutschen Grenzverein angestellt. Der Bunker „Simon“ war zwar offiziell nur sein Nebenjob, aber mit seinem technischen Sachverstand war Weber unentbehrlich, auch koordinierte er die verschiedenen Baumaßnahmen. Die Schutzanlage wurde seit ihrer Einrichtung in den frühen 60er-Jahren bis 1986 immer wieder aufgerüstet und vergrößert.

Strenge Regeln

Dass ihr neuer Arbeitsplatz nicht irgendein Keller war, war den Webers von Anfang an klar: Sie wurden nachrichtendienstlich überprüft und von einem Staatssekretär auf strenge Geheimhaltung verpflichtet. Auch jeder Handwerker durfte nur dann auf die Baustelle, wenn er auf einer Liste des Ministeriums namentlich vermerkt war. Das führte dazu, dass schon mal Arbeitern kein Zutritt gewährt wurde und sie den ganzen Tag ohne zu arbeiten im Bauwagen verbrachten.

Für die Geheimnishüter Weber galten strenge Regeln. „Reisen in den Ostblock durften wir nur mit vorheriger Genehmigung“, erinnert sich Peter Weber, „aber die Russen kamen zu uns. Einmal machte mich ein Maurerpolier darauf aufmerksam, dass aus einem in der Nähe geparkten Auto der russischen Marke Moskwitsch heraus zwei Männer ständig fotografierten.“

Wenn die Webers heute durch den Bunker gehen, dann wird der Kalte Krieg wieder lebendig: Erika Weber deutet in einem der Räume auf unzählige Wählscheibentelefone, die an einer Wand aufgestapelt sind: „In der Telefonzentrale standen mehr als 100 Apparate.“

Mehr als 100 Telefone lagern noch in der ehemaligen Telefonzentrale.
Michael Staudt
Mehr als 100 Telefone lagern noch in der ehemaligen Telefonzentrale.
 

An den Raum zur Reinigung von kontaminierter Schutzkleidung erinnern heute nur noch die Fliesen und Wasserhähne an den Wänden. Nichts hier kam je zum Einsatz, auch nicht das für kleine operative Eingriffe vorbereitete Krankenzimmer.

Bilder wie aus Katastrophenfilmen

Wenn die Webers von verschiedenen Vorkehrungen erzählen, werden Bilder wie aus Katastrophenfilmen lebendig. Die Tür zu Raum 7 ist heute versperrt. „Der war etwas geräumiger und für den Ministerpräsidenten vorgesehen“, erklärt Erika Weber. Der ganze Bunker war zunächst nur auf Männer ausgelegt, erinnert sie sich. „Erst in den 80er-Jahren, als sich auch Frauen in Führungspositionen durchsetzten, wurden auch sanitäre Anlagen für Frauen eingebaut.“

Die Lüftungsanlage des Bunkers.
Michael Staudt
Die Lüftungsanlage des Bunkers.
 

An den technischen Geräten kennt Peter Weber immer noch jede Schraube – etwa an einer Maschine namens „Jockel“: Weber deutet auf das Notstromaggregat. „Das kam tatsächlich mal zum Einsatz“, schmunzelt er, „bei einem Neujahrsempfang des Grenzvereins mit 250 Gästen.“ Als im öffentlichen Netz der Strom ausfiel, konnte die Festgesellschaft, „Jockel“ sei Dank, ungestört weiterfeiern.

Der Bunker war darauf ausgerichtet, auch ohne Versorgung von außen zu funktionieren: Die Belüftungsanlage hätte mit einer Handkurbel betrieben werden und den Bunker so noch über lange Zeit mit Frischluft versorgen können, aus einem Notbrunnen konnte Trinkwasser geschöpft werden. Eine Antenne ließ sich aus dem Bunker auf eine Höhe von 27 Meter ausfahren – ein Niveau über den Baumkronen der dichtbewaldeten Umgebung. Peter Weber löscht plötzlich das Licht: An den Wänden im Flur leuchtet grün fluoreszierende Farbe, die gespeicherte Energie bei Dunkelheit wieder abgibt. Selbst ganz ohne Strom hätten die Bunkerinsassen also noch etwas Beleuchtung gehabt.

Erika und Peter Weber kennen den Bunker wie ihre Westentasche. Werden die Lampen gelöscht, sorgen fluoreszierende Markierungen an den Wänden für Restlicht.
Michael Staudt
Erika und Peter Weber kennen den Bunker wie ihre Westentasche. Werden die Lampen gelöscht, sorgen fluoreszierende Markierungen an den Wänden für Restlicht.

Sankelmark wurde ganz bewusst ausgewählt

„Wir lebten hier wie auf einer Insel“, beschreibt Peter Weber die Zeit in den 80er-Jahren. Nicht ohne Grund hatte die Landesregierung die Akademie Sankelmark als Standort für den Schutzbunker ausgewählt: Das Gelände ist abgeschieden, hügelig und liegt in einem Waldgebiet ohne direkte Nachbarschaft. Niemand in der Umgebung wusste von der politischen Bedeutung der Anlage – und niemand stellte Peter und Erika Weber unbequeme Fragen. Trotzdem bestimmte das Geheimnis im Keller damals auch den Alltag der Webers: Mit seinen Kindern lebte das Ehepaar in einer Wohnung direkt oberhalb des Bunkereingangs. Nachts wurde hin und wieder die ganze Familie geweckt, wenn im Bunker der Alarm losging. Dann kam von der Polizeileitstelle in Schleswig die Aufforderung, vorsichtig zu agieren und abzuwarten, bis die Polizei eintraf. Immer wieder stellte sich schließlich heraus, dass der Alarm durch Fledermäuse ausgelöst worden war. „Trotzdem war das für uns beunruhigend“, sagt Erika Weber.

Mit dem Ende des Kalten Kriegs änderte sich schlagartig alles: Die Landesregierung befand den Bunker nicht mehr für notwendig, Erika Weber wurde 1990 aus ihrer Tätigkeit entlassen. Das „Ausweichquartier Sankelmark“ wurde drei Jahre später offiziell aufgelöst. Teile des Kellers stellt der Deutsche Grenzverein nunmehr dem Landschaftsmuseum Angeln in Unewatt als Lager zur Verfügung. Erika und Peter Weber leben heute in ihrem eigenen Haus in Jerrishoe – übrigens ein Gebäude ganz ohne Keller.

Hintergrund: Die Geschichte des Regierungsbunkers

Bereits in den Jahren 1950/51 wurden auf Bundes- und Landesebene vorbeugend für den Krisenfall bautechnische Schutzmaßnahmen getroffen. Für Schleswig-Holstein wurde der Standort Sankelmark präferiert, weil im wenige Kilometer entfernten Augaard der Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke seinen Wohnsitz hatte. Es traf sich gut, dass der Deutsche Grenzverein, dessen Vorsitzender Lübke auch war, im Jahr 1952 das heute noch bestehende Tagungszentrum Sankelmark eröffnete, das als Ausweichquartier für die Landesregierung geeignet erschien.

Eine Anordnung des Bundes aus dem Jahr 1957 besagte, dass die Landesregierungen „in Vorbereitung auf einen möglichen Verteidigungsfall“ Krisenstäbe zu bilden und geeignete Ausweichbefehlsstellen vorzubereiten hätten. Dies war der Anstoß für eine Weiterentwicklung des noch „unbefestigten“ Ausweichsitzes in Sankelmark. Dort wurde im Jahr 1960 bis 1962 ein Gebäudeteil im Zuge einer größeren Baumaßnahme um einen ABC-Schutzbau erweitert und danach zum „befestigten“ Ausweichsitz der Landesregierung erklärt.

Die Initiative für die bauliche Erweiterung ging vom damaligen Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel aus. Da die Räumlichkeiten nur für maximal sieben Tage und für zu wenig Menschen Schutz bieten konnten, wurde im Jahr 1972 eine Erweiterung realisiert und der ABC-Schutzbau so weit aufgerüstet, dass ein Aufenthalt von maximal 14 Tagen möglich gewesen wäre.

Der Bunker „Simon“ in Sankelmark war der erste von später insgesamt fünf Ausweichsitzen der Landesregierung. Das Problem der zu geringen Anzahl an Schutzplätzen führte dazu, dass ein weiterer separater Ausweichsitz für den Ministerpräsidenten, den Innen- und Finanzminister in Lindewitt eingerichtet wurde. Der Sankelmarker Bunker war zuletzt vorgesehen für Wirtschafts- und Sozialministerium und wurde auf Beschluss der von Uwe Barschel geführten Landesregierung in den Jahren 1984 bis 86 erneut erweitert. Nun waren 155 Schutzplätze vorhanden und eine Aufenthaltsdauer von 30 Tagen möglich.

 
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