Überraschung beim Parteitag : Der jüngste Flensburger SPD-Chef aller Zeiten

Der neue Kreisvorstand der SPD Flensburg, von links: Andree Nitsch, Birgit Wohlsen, Henning Evers, Felix Ferber, Ursula Thomsen-Marwitz (stellvertretende Vorsitzende), Stephan Kienaß, Justus Klebe (Vorsitzender), MdL Heiner Dunckel (stellvertretende Vorsitzender), Michael Träger, Ailina Königshoven, Cariná Scheder, Axel Kohrt. Nicht auf dem Bild: Regina Porath.
Der neue Kreisvorstand der SPD Flensburg, von links: Andree Nitsch, Birgit Wohlsen, Henning Evers, Felix Ferber, Ursula Thomsen-Marwitz (stellvertretende Vorsitzende), Stephan Kienaß, Justus Klebe (Vorsitzender), MdL Heiner Dunckel (stellvertretende Vorsitzender), Michael Träger, Ailina Königshoven, Cariná Scheder, Axel Kohrt. Nicht auf dem Bild: Regina Porath.

Kritik an der Amtsführung: Justus Klebe (20) löst nach zwei Jahren Florian Matz an der Spitze der Flensburger Sozialdemokraten ab

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05. März 2018, 06:04 Uhr

Radikale Verjüngung an der Flensburger SPD-Spitze: Justus Klebe (20), noch 2017 Abiturient an der Fridtjof-Nansen-Schule und nun im zweiten Semester Lehramtsstudent an der Europa-Uni, ist neuer SPD-Chef in Flensburg. Auf dem Parteitag im Culturgut Weiche gewann er überraschend deutlich mit 40 von 65 Stimmen gegen Amtsinhaber Florian Matz (24 Stimmen). Klebe hatte seine Kandidatur, ursprünglich nur als Beisitzer, erst wenige Tage vor der Wahl als Parteichef angekündigt. Amtsinhaber Florian Matz (40), der schon auf der Liste für die Kommunalwahl durchgefallen war, gab sich kämpferisch: „Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage“, zitierte er den rosaroten Panther. Außerdem kündigte er erneut an, seinen Wahlkreis 3 direkt gewinnen zu wollen – das einzige, was ihm seine Partei gelassen hat.

„Die SPD-Mitglieder haben eine gute Mischung zwischen Erfahrung und Erneuerung in den Vorstand gewählt, und ich bedanke mich sehr für das Vertrauen“, sagte Klebe, Flensburgs jüngster SPD-Chef aller Zeiten, artig.

Der Wahl war viel Kritik an der Amtsführung des nun abgewählten Parteichefs Matz vorangegangen. Axel Kohrt, als Vorsitzender des wichtigen Planungsausschusses ein Schwergewicht der SPD-Ratsfraktion, warf Matz verspätete Rundbriefe und schlechte Organisation vor: „Ich hoffe, dass es besser wird unter dem neuen Vorsitzenden.“ Stephan Kienaß, 30 Jahre in der SPD, schimpfte: „Wir haben noch nie einen Vorstand gehabt, der so wenig Wirkung nach innen hatte.“ Außerdem sei das Parteibüro am Hafermarkt unaufgeräumt: „Man hatte den Eindruck, es interessiert nicht.“

Alt-Fraktionschef Knut Franck warf Oberbürgermeisterin Simone Lange, politische Weggefährtin und Unterstützerin von Matz, vor, auf dem Ego-Trip“ zu sein und fragte: „Wem nützt das und wem schadet es?“

Lange indes vermisste am Sonnabend die inhaltlichen Impulse: „Wir haben verlernt, mutig für Transparenz zu stehen“, sagte sie in Weiche. Der alte SPD-Vorstand habe in den vergangenen zwei Jahren viel politisch diskutiert. Die kommunalpolitischen Schwerpunkte Kita-Qualität und Schulkindbetreuung habe die Ratsfraktion erst in ziemlich langen Prozessen umgesetzt.

Kritik an Parteichef Matz wurde indes auch aus dem mittlerweilen regen und großen Kreis der jungen Parteimitglieder laut. Henning Evers beklagte, Gedankenanstöße seien im Parteivorstand einfach abgebügelt worden. Dabei seien es doch die Wahlkreiskandidaten, die das Programm an der Haustür vertreten müssten. Felix Ferber, wie Evers neu in den Vorstand gewählt, stellte dem Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden ein verheerendes Urteil aus: „Ich komme aus der freien Wirtschaft und wäre dafür entlassen worden.“ Darauf konterte Friedhard Temme: „Wir sind hier nicht in der freien Wirtschaft. Wir sind ehrenamtlich aktiv.“

Kommentar

Abi 2017 - das hört sich eher nach Work & Travel an als nach SPD-Vorsitz. Wenn die Flensburger Sozialdemokraten nun einen 20-jährigen Studenten zu ihrem Vorsitzenden machen, zeugt das neben einem möglichen politischen Talent auch von einer starken jungen Mannschaft in der SPD rund um die Jusos und andere frische Parteimitglieder. So etwas tut allen Parteien gut, besonders den traditionsbewussten Sozialdemokraten.

Doch bei der SPD ist die Lage, wie so oft, etwas komplizierter: die Jungen, die um den neuen Chef Justus Klebe in den Vorstand ziehen, lösen nicht die Alten ab, sondern  die nicht mehr ganz so Jungen um den abgewählten Parteichef Florian Matz: Nicolas Jähring, Jolyn Muijsers und einige mehr aus der Generation Matz.  Delikat für die Partei: Sie gehören zum Team von Oberbürgermeisterin Simone Lange und   stehen für etliche moderne Themen und Diskussionsansätze, mit denen sie offenbar außerhalb ihrer Partei mehr punkten konnten als innerhalb: Kita-Qualität, Betreuung von Grundschülern und nicht zuletzt die symbolträchtige, aber vielen zu akademische Diskussion und das Bedingungslose Grundeinkommen, das OB Lange gerne in Flensburg ausprobieren würde. Wer aber soll in der SPD die Themen der klassischen Klientel besetzen, wenn nicht die 30- bis unter 50-Jährigen?  Arbeiter, Angestellte, Alleinerziehende. Soll die arbeitende Bevölkerung künftig überwiegend von Studenten und Azubis einerseits sowie  Politikern im Vorruhestandsalter vertreten werden? 

Die Strategie hinter den Personalrochaden ist nicht erkennbar. Oder anders ausgedrückt: Inhaltlich-programmatisch müssen die neuen Gesichter erst noch ihre Themen finden – oder die identifizierten wichtigen Themen selbst besetzen. Bezeichnenderweise wartete man auf dem Parteitag im  Culturgut auf eine Debatte über die neuen Personalien vergeblich. Und wofür wurde die alte Parteispitze  am schärfsten kritisiert? Für späte Rundbriefe und das angeblich unaufgeräumte Parteibüro. Die Wähler dürften etwas anderes erwarten.

 
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