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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 15:14 Uhr

Der große Maler des schlechten Nordwetters

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Retrospektive des 2013 verstorbenen Künstlers Michael Arp führt durch halb Schleswig-Holstein

shz.de von
erstellt am 20.Jun.2016 | 18:46 Uhr

Ein unscheinbares Café in Husum, ein einzelner Gast mit dem Rücken zum Betrachter, der Blick fällt auf die andere Straßenseite, es regnet, denn die Passanten tragen Schirme. In seiner Schwermut erinnert das Bild an Edward Hopper, ebenso wie jenes, das die Tankstelle in Nieblum zeigt – vermutlich im November, wenn dort nur ein Kunde pro Tag tankt. „Michael Arp hat immer gesucht, was abseits lag“, sagt Thomas Messerschmidt, der noch bis 9. Juli in seiner Galerie am Hafen die Arp-Retrospektive „Reise durch Schleswig-Holstein“ zeigt.

„Keiner malt unser Wetter so schön wie Michael Arp!“, begeistert sich Messerschmidt. Leuchtende Rapsfelder und strahlend blauen Himmel sucht man in der Ausstellung ebenso vergeblich wie idyllische Landschaften. Die klassischen Naturmotive haben ihn gelangweilt, „er hat da gestanden, wo sonst niemand ein Motiv sah.“ Zum Beispiel in der Flurstraße, die vermutlich noch nie zuvor gemalt worden ist. Am Flensburger Hafen malte er die umgeklappten Plastikstühle auf der Terrasse eines Restaurants an einem Regentag.

Arps Reise war lang und ertragreich. 118 Bilder zeigt Messerschmidt, die Bilder zeigen Motive aus allein 16 Orten in Schleswig-Holstein. Sein Wohnort Kappeln ist am häufigsten vertreten. Wie andere Maler auch, fühlte Arp sich vom Wasser und vom Hafen angezogen. Doch wenn er Schiffe malte, suchte er sich stets einen Ausschnitt aus, konzentrierte sich auf den Wulstbug oder auf die Bullaugen. Der Ausschnitt oder der Anschnitt als Form der Zuspitzung.

Die ältesten Bilder stammen aus den 80er Jahren, als Arp an der Muthesius-Schule studiert hatte. In den frühen Bildern findet man noch Licht und leuchtende Farben, doch seine Meisterschaft des Alltäglichen, die Kunst der Schlechtwettermalerei mit einem schweren melancholischen Grundton entwickelte er erst zwei Jahrzehnte später.

Menschen tauchen in den Bildern zwar auch auf, aber sie bleiben anonym, verschwinden oft im Grau und im Nebel, dann vielleicht mit einem roten Regenschirm. Umso mehr wird der Blick des Betrachters zum Hochformat hingezogen, das eine Person mit Schirm zeigt – vielleicht an der Bushaltestelle, mit Sicherheit im Regen. Vermutlich ist es eine junge Frau, aber es könnte auch ein junger Mann sein, auf jeden Fall schaut er oder sie traurig in den Regen.

Oft zu sehen sind zudem Autos. Arp malte gern am Steuer seines 2CV, wo er nicht nur vor dem Regen sicher war, sondern auch vor den zudringlichen Blicken und Fragen neugieriger Passanten. Die kleineren Formate entstanden alle vor dem Motiv, nur die größeren fertigte er im Atelier.


Michael Arp. Reise durch Schleswig-Holstein. Kunsthandlung Messerschmidt, Norderhofenden 16, di-fr 14.30-18 Uhr, do-sa 9.30-13 Uhr

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