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Ärzte retten ein Menschenleben : Der große Kampf des kleinen Finley

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor zehn Monaten erlitt der zweijährige Junge aus Hörup schwere Kopfverletzungen durch den Tritt eines Fohlens. Eine Woche lag er im Koma.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2013 | 12:31 Uhr

Flensburg | Das Datum hat sich in die Köpfe von Sabine und Jan Sandvoß schmerzhaft eingebrannt. Die Bilder wirken nach bis heute, die Erinnerung lässt sie nicht los. Am 30. November 2012 wird ihr Sohn Finley durch den Tritt eines Fohlens lebensgefährlich verletzt. Er liegt tagelang im Koma, es beginnt eine Odyssee durch Kliniken, die Angst ein ständiger Begleiter. Ärzte der Diako ringen um das Leben des kleinen Blondschopfs.

Es ist der Tag, an dem sich der erste Frost des Jahres über das Land legt. Als Sabine Sandvoß gegen 17 Uhr das Fohlen eines ihrer drei Ponys in den Stall führt, passiert es. Ihr Sohn läuft freudestrahlend auf sie zu, stolpert plötzlich und gerät zwischen die Hinterbeine des Tieres. Dabei schlägt ein Huf gegen den Kopf des Zweijährigen. Finley liegt auf dem Rücken, die Augen geöffnet, keine Reaktion. „Ich dachte, er wäre tot“, sagt seine Mutter. Als Krankenschwester verfügt sie über genügend medizinische Erfahrung. Sie legt einen 200-Meter-Spurt hin, alarmiert die Nachbarn.

Jetzt geht alles ganz schnell. Der Rettungswagen trifft ein, Finley kommt langsam zu sich. Eine halbe Stunde später schon kümmert sich ein Assistenzarzt in der Diako um den Patienten. Zunächst sieht alles nach zwei Platzwunden aus. Doch die Eltern ahnen Böses, bestehen auf einer Computertomografie (CT). „Zur Not zahlen wir das selbst“, sagen sie. Diese Entschlossenheit rettet ihrem Jungen vermutlich das Leben. Denn die Untersuchung fördert Verheerendes zutage: Der Schädelknochen hat sich ins Gehirn gedrückt, ist gesplittert, hat innere Blutungen ausgelöst. Im Fachjargon: Impressionsfraktur. Umgehend werden weitere Ärzte hinzugezogen.

Keine Minute darf jetzt gezögert werden. Finni, wie ihn Freunde und Familie nennen, kommt auf die Intensivstation, wird notoperiert, liegt sieben Tage im künstlichen Koma. „Wir wussten nicht, ob er überlebt“, sagt Sabine Sandvoß. Doch die Eltern merken, dass die Betreuung durch Ärzte, Schwestern und Pfleger hervorragend ist. „Jetzt muss er zeigen, dass er ein Kämpfer ist“, wird ihnen gesagt. Gleichzeitig keimen Schuldgefühle auf. Hätte ich den Unfall verhindern können? Habe ich meine Aufsichtspflicht verletzt? Bin ich verantwortlich? Sabine Sandvoß muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen – und stellt sie sich auch selbst. „Meine Frau war fertig, völlig aufgelöst“, sagt ihr Mann, der bei der Flensburger Berufsfeuerwehr arbeitet.

Finleys Kreislauf spielt nicht mit, Maschinen halten ihn am Leben. Es drohen eine halbseitige Lähmung, Sprachprobleme, Gleichgewichtsstörungen. Als der kleine Patient am 6. Dezember erwacht, ist es für seine Eltern und drei Geschwister das schönste Geschenk zum Nikolaustag. Es hat keine neuen Blutungen gegeben, der Zustand ist stabil.

Doch die Sorgen bleiben. Die Ärzte diagnostizieren ein hirnorganisches Psychosyndrom, übersetzt: Orientierungs- und Schlaflosigkeit, Halluzinationen. Er muss alles neu lernen – Sitzen, Laufen, Sprechen, Essen. „In der Reha musste er noch einmal ganz von vorn anfangen“, sagt Jan Sandvoß. Durch Ergo-, Logo- und Physiotherapie lernt er alles neu. Und es geht voran.

Vor vier Tagen musste Finni erneut operiert werden. Eine Titanplatte wird in die rechte Schädelhälfte eingesetzt, der Knochen ist irreparabel. Neun Monate hat er einen Helm tragen müssen. Den braucht er nicht mehr. „Aber ab jetzt muss er aufpassen, so ganz ohne Schutz“, sagt Sabine Sandvoß und lächelt matt. „Er könnte sich ja eine Beule holen.“

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