100 Jahre Eingemeindung : Der graue Esel und des Kaisers Piste

<strong>Es boomt in Mürwik:</strong> Neue Häuser längs der neuen Straße.
Es boomt in Mürwik: Neue Häuser längs der neuen Straße.

Drei Dörfer kamen vor 100 Jahren zur Stadt. Die rollte an, weil eine anständige Verbindung nach Mürwik fehlte. Mit der Straße kam der Aufschwung dort.

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06. Mai 2010, 12:27 Uhr

Flensburg | Da war sie endlich, die Straße nach Mürwik - lang ersehnt und gefordert in dem neuen, wachsenden Stadtteil. Weil sie fehlte, kam vor hundert Jahren die Eingemeindung der Dörfer im Osten - Engelsby, Fruerlund, Tweedt und Twedterholz - erst in Gang. Als sie endlich gebaut war, startete der Boom in Mürwik.

Mürwik war eigentlich nichts als eine Handvoll ärmlicher Katen, die einst dort ihren Platz hatten, wo heute das Stammhaus der Bäckerei Hansen steht, sowie der schwungvolle Bogen in der Küstenlinie, die "matschige Bucht". Auf sie warf die kaiserliche Marine ein Auge, als sie um 1900 einen Platz für ihre Torpedoverbände suchte. Damit kam die Lawine ins Rollen: Immer mehr Einrichtungen verlegte die Marine von Kiel nach Flensburg, Krönung war 1910 die Marineschule.

Klar, dass die Soldaten in den dienstfreien Stunden die Abwechslung suchten, die die nahe Stadt versprach. Nur - wie hinkommen? Von einer akzeptablen Straße nach Flensburg konnte keine Rede sein. Die Stadtgrenze verlief damals in Höhe der heutigen Ziegeleistraße. Was danach kam, war Gemeinde Fruerlund bis zum Osbek. So gehörten die Mürwiker Katen zu Fruerlund. Danach kam Twedterholz bis an die Bucht von Meierwik.
Erbärmlicher Weg, so dass Soldaten Boote in die Stadt nahmen

Der Weg aus der Stadt führte damals durch die Bachstraße, auf einer Brücke über die Kieler Eisenbahn und den Lautrupsbach in das Mühlenholz, weiter in die Fruerlunder Straße (damals die Mürwiker Straße), schließlich durch den Klostergang nach Twedterholz.

Der Weg war so erbärmlich, dass die Marine Schiff und Boot einsetzte, um ihren Soldaten einen Abstecher nach Flensburg zu erleichtern. Die Torpedostation setzte dafür ihr Verkehrsboot "Grauer Esel" ein, die Marineschule den Dampfer "Wiking".

Dieser unbefriedigende Zustand fiel allerdings an höherer Stelle auf. Das Reichsmarineamt und der Präsident der Provinz Preußen fingen an, auf den Bau einer Straße zu drängen. Mit einem solchen Projekt waren die Gemeinden schon finanziell überfordert, und die Stadt Flensburg lehnte es schlicht ab. Denn die Flensburger konnten sich ausrechnen, wie stark eine neue Straße den im Mürwik bereits spürbaren Boom anheizen würde. Und außerdem könnten ja Flensburger auf die Idee kommen, hinaus in die Dörfer zu ziehen und sich einen Bauplatz mit schönstem Fördeblick zu suchen. Einige alte Villen im Bereich Twedter Plack zeigen noch heute, dass dieser Gedanke nicht falsch war. Deshalb war in der Stadt klar: keine Straße - von der hätten nur die Dörfer profitiert und Flensburg die Kosten gehabt.

Immer wieder spielte der Bau der Straße nach Mürwik bei den Verhandlungen um die Eingemeindung eine zentrale Rolle. So heißt es im Vertrag: "Die erweiterte Stadtgemeinde verpflichtet sich, Mürwik mit Flensburg durch eine in den oberen Weg Fruerlundholz-Mürwik mündende, möglichst 20 m breite Straße in zwei Jahren von Inkrafttreten des Vertrages zu verbinden, ferner den bestehenden Weg Mürwik-Osbekhof ... als Grandweg auszubauen. Der Ausbau soll auf der Strecke Mürwik-Osbekhof nach dem von der Marineverwaltung hergestellten Plane innerhalb Jahresfrist vorgenommen werden. Sofort nach der Eingemeindung ist ein Fußweg in der Richtung Bachstraße-Fruerlund bis Dorf Engelsby 3 m breit herzustellen." Dann sicherten sich die Dörfer ab: "Alle übrigen Wege der Gemeinden, speziell der Weg von Mürwik nach Engelsby, sind stets im gutem Zustande zu erhalten und letzterer innerhalb 2 Jahre als Grandweg auszubauen."

Auch in dem Extra-Vertrag mit Twedterholz, veröffentlicht im preußischen Gesetzesblatt, heißt es: "Die erweiterte Stadtgemeinde verpflichtet sich, ... die von Flensburg nach Mürwik zu bauende Straße in der Breite von 14 m innerhalb zweier Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes nach Hotel Seewarte weiterzuführen, Hotel Seewarte und Osbekhof durch eine über die Koppel der Frau Iwersen in möglichst gerade Linie führende Chaussee mit abgegrenztem Fußsteig in derselben Zeit zu verbinden."

Schon Jahre zuvor hatte die Stadt den Straßenbau in Richtung Mürwik angestoßen: mit der Anlage der Bismarckstraße um 1906. Die Straße nach Mürwik entstand bis 1912. Für den Stadtteil war der Startschuss einer in Flensburg einmaligen Aufwärtsentwicklung gegeben, die sich in den 1950er Jahren fortsetzte.

Da die Marine in Flensburg auf die Flottenpolitik des Kaisers zurückging, nannten die Flensburger die neue Straße "Kaiser-Wilhelm-Straße". Das blieb so, bis der Kontrollrat der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg die Umbenennung forderte. Damit galt "Mürwiker Straße". Diesen Namen musste die heutige Fruerlunder Straße hergeben.

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