8 Uhr im Klärwerk : Der Geruchsschock von Kielseng

Hier oben stinkt es nicht:  Jochen Schmidt auf einem der drei Faultürme des Klärwerks Kielseng. Unter seinen Füßen brodeln 4000 Kubikmeter Klärschlamm .  Foto: marcus dewanger
Hier oben stinkt es nicht: Jochen Schmidt auf einem der drei Faultürme des Klärwerks Kielseng. Unter seinen Füßen brodeln 4000 Kubikmeter Klärschlamm . Foto: marcus dewanger

Aus stinkender Brühe wird sauberes Wasser: 10,08 Millionen Kubikmeter Wasser werden im Flensburger Klärwerk jährlich auf biologische Weise gereinigt.

shz.de von
06. Juli 2012, 06:51 Uhr

Flensburg | Der Gestank übertrifft alle Erwartungen: Die braune Brühe, die unablässig ins Becken sprudelt, riecht nach Fäulnis. Nach einer Mischung aus Müllhalde und verdreckter Kanalisation. Gut 30.000 Kubikmeter Abwasser fließen täglich aus dem 490 Kilometer langen Kanalnetz zur Kläranlage bei Kielseng. "Jetzt die Nase zuhalten", hatte Jochen Schmidt, Leiter der Entwässerung beim TBZ, noch gewarnt. "In der Vorreinigung werden alle Besucher vom Eckel-Schock überwältigt."
Das Abwasser aus Flensburg, Wees, Glücksburg, Tastrup, Jarplund und dem Gewerbegebiet Handewitt wird hier zunächst von Fett und Sand befreit. In einem Rechen verfängt sich zudem der grobe Dreck. "Das ist als ob man mit einer Gabel durch die Nudelsuppe geht", erklärt Schmidt.
Dreck kratzen am "Dönertag"
Endlich steht er wieder draußen, an der frischen Luft. "Das Wasser ist einen Tag bei uns, bevor es gereinigt in die Förde fließt", erklärt er. In Kielseng werden zirka 10,08 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr behandelt. Die Anforderungen an die Reinigung sind hoch. Aufgrund des Gewässerschutzes unterschreitet die Flensburger Anlage die vorgegebenen Richtwerte für Phosphor, CBS und Stickstoff sogar deutlich. "Wir haben bessere Werte als viele andere Klärwerke", sagt Schmidt. Das hat aber auch finanzielle Gründe: "Je besser das Wasser gereinigt ist desto weniger Abgaben müssen wir für die Einleitung in die Förde bezahlen." Von 1,8 Millionen Euro auf 250.000 Euro sei der Betrag gesunken, seit 2005 die neue Filtrationsanlage in Betrieb gegangen ist. Bevor das Wasser jedoch im letzten Schritt "aufgetunt" wird, wie Schmidt es nennt, durchläuft es zwei biologische Reinigungsvorgänge.
Im Belebungsbecken sorgen Mikroorganismen dafür, dass sich der im Wasser befindliche Schlamm in größere Flocken verwandelt. In den riesigen Zwischenklärbecken befördern ihn sich langsam drehende Räumschilde in des Trichters Mitte. Von hier aus wird er in die Faulung geleitet. Wenn der hängen gebliebene Dreck von den Schilden gekratzt werden muss, heißt das bei den rund 70 Mitarbeitern "Dönertag".
"Wenn den Dreck sieht, riecht man ihn auch"
Die Aussicht ist herrlich. Von den drei rund 22 Meter hohen Faultürmen ist die Werft zu sehen, Duburg, die Neustadt, Teile des Hafens. Unter den Füßen brodelt es jedoch heftig. 4000 Kubikmeter Klärschlamm pro Turm verwandeln sich bei 38 Grad in Gas. "Wir sind eigentlich die größte Biogas-Anlage in Flensburg", sagt Schmidt. Mit dem Gas - rund 1,9 Millionen Kubikmeter im Jahr - werden im eigenen Blockheizkraftwerk Motoren angetrieben, die Strom erzeugen. Über die sogenannte Klärgasproduktion versorgt sich das Klärwerk mit der Hälfte des benötigten Stroms.
Obwohl in der luftigen Höhe ein frischer Wind weht und die trichterförmigen Faultürme dicht sind, glaubt man den modrigen Schlamm zu riechen. Der ehemalige Bürgermeister Hermann Stell soll bei einem Besuch des Werks gesagt haben: "Wenn man den Dreck sieht, riecht man ihn auch." Er könnte recht haben. Sein vollständiges Gestanks-Bouquet entfalte der Schlamm erst wieder, wenn er entwässert wird, um anschließend als Dünger an die Landwirtschaft geliefert zu werden.
Riesiges unterirdisches Tunnel- und Rohssystem
Das Abwasser wurde inzwischen durch ein riesiges unterirdisches Tunnel- und Rohssystem zur zweiten Reinigungsstufe gepumpt. Hierbei sind wieder Mikroorganismen im Einsatz, die es vom Stickstoff befreien. "Der Stoff muss raus, damit die Förde nicht überdüngt wird", erklärt Schmidt. Am Ende passiert es dann die letzten automatischen Qualitätstests - und wird durch ein dickes Rohr in die Förde gepumpt.
Jochen Schmidt schöpft mit einem Behälter einen guten Schluck des klaren Wassers ab. Es stinkt nicht mehr, müffelt etwas muffig, da es relativ warm ist. Trinken kann man es übriges nicht: Es ist nicht keimfrei.

In der Sommerserie "24 Stunden Flensburg" begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt - jeweils für eine Stunde. Heute Teil 7: Ein Rundgang durch das Flensburger Klärwerk.

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