Um 5 Uhr auf Förde-Fang : Der Flunderfischer von Fahrensodde

Kurz vor Sonnenaufgang auf der Innenförde: Horst Hansen, Vorsitzender des Fischereivereins, fährt mit sechs Knoten Tempo: 'Das Schöne ist, du bist allein auf dem Wasser.'  Foto: staudt
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Kurz vor Sonnenaufgang auf der Innenförde: Horst Hansen, Vorsitzender des Fischereivereins, fährt mit sechs Knoten Tempo: "Das Schöne ist, du bist allein auf dem Wasser." Foto: staudt

Mit Nebenerwerbsfischer Horst Hansen verrät bei einem auf Förde-Fang, wo jeder seine geheimen Jagdgründe hat.

shz.de von
04. Juli 2012, 05:02 Uhr

Flensburg | Endlich einmal ein lauer Morgen. Der Segler- und Fischereihafen in Fahrensodde liegt noch in leichten Nebelschwaden. Der Sieben-Meter-Fischkutter von Horst Hansen (66) setzt sich mit gut sechs Knoten in Bewegung. Ostwärts Richtung Sonnenaufgang. Wo genau er in einer halben Stunde zwischen Glücksburg, Holnis und den Ochsen inseln seine 600 Meter Stellnetze setzen wird, ist Berufsgeheimnis. Jeder Fischer glaubt an seine Plätze: "Der Fisch schwimmt mal hierhin, mal dahin", sagt Hansen: "Wenn du da mit dem Netz nicht bist, hast du Pech gehabt." Zwei bis dreimal pro Woche fährt er früh mit der FLE 80 auf die Förde, um Butt zu fangen. Dorsch und Hering sind hier im Sommer selten, Meerforellen gibts höchstens viermal im Jahr.
Horst Hansen ist an der Pilkentafel aufgewachsen, im Kapitänsviertel. Schon der Großvater war Fischer auf der Förde. Hansen fischt seit 38 Jahren - im Nebenerwerb. Die letzten Hauptberuflichen sind irgendwo an der Schwelle zum neuen Jahrtausend verlorengegangen. Aber auch Nebenerwerbsfischer müssen drei Jahre Ausbildung nachweisen, Landesfischereischule und allerlei Seetauglichkeits- und andere Zeugnisse: "Das Einzige, das uns von den Berufsfischern unterscheidet, ist, dass wir keine Subventionen bekommen", schimpft Horst Hansen, während der 40 Jahre alte Dieselmotor durch die stille Förde Richtung Glücksburg tuckert. Kein Wunder, dass das Durchschnittsalter der Fischer bei 56 Jahren liegt und sich Männer wie Hansen fragen, ob ihr Beruf bald ausstirbt.
Die ersten Flundern zappeln
"Letzlich ist es für uns Hobby", sagt Hansen. Zwar müssen auch die Nebenerwerbsfischer ihr Gewerbe anmelden, um am Vormittag in Fahrensodde ihre Flundern feilbieten zu dürfen. Aber am Ende bleibe nicht viel mehr als das Geld für den Diesel sowie Reparatur und Instandhaltung der Boote übrig.
Hansen und sein Kompagnon Hans Baltrock haben jetzt die rote Fahne mit der Aufschrift FLE 80 erreicht. Hansen wirft den Netzholer an, der ihm hilft die Stellnetze wieder in den Kutter zu ziehen. Die ersten Flundern zappeln im Netz. Baltrock pult sie nacheinander heraus. "Pass auf, eine Feuerqualle, das kann spritzen", sagt Hansen.
65 Fischer gibt es noch auf der Flensburger Förde, vielleicht 15 weitere, die nicht organisiert sind - zwölf davon im Flensburger Hafen, wo der Fischereiverein von 1872 am Ostufer ansässig ist. Acht Fischer starten wie Hansen vom Steg des Fischereivereins in Fahrensodde, die anderen in Schausende, Langballigau oder Gelting-Mole.
Ein Steinbutt hat sich im Stellnetz zwischen all den Flundern verfangen. Hansen stoppt den Netzholer, befreit den Fisch und wirft ihn wieder ins Wasser. Das ist Vorschrift, der Fisch ist zu klein. "Den hol ich mir in zwei Jahren", sagt Hansen, lacht und verspricht: "Da halten wir uns an die Regeln."
Freiheit für den Steinbutt
Am Vorabend zwischen 19 und 21 Uhr hatte Hansen die 600 Meter Netz gesetzt. Der Butt ist nachtaktiv und geht dann auf der Nahrungssuche in die großmaschigen Netze. Zwischen 2,50 und vier Metern sei die richtige Tiefe zum Fischen in der bis zu 20 Meter tiefen Innenförde.
Seit anderthalb Jahren ist der Speditionskaufmann im Ruhestand und seitdem häufiger als früher auf der Förde. Doch Ausgleich war es für ihn schon immer, wenn er vom Job oder sonst etwas genervt war: "Für mich war das Fischen immer Erholung. Wenn ich mit den Netzen und Reusen losgehen konnte, war die Welt wieder in Ordnung."
Schweinswale auf glatter Förde
Vor Solitüde überholt der Kutter drei Stehpaddler auf Surfbrettern. Fast zeitgleich, schon kurz vor Fahrensodde, tauchen die Rückenflossen zweier Schweinswale auf der ansonsten spiegelglatten Förde auf. Es ist gerade 6 Uhr, als die Fischer wieder im Hafen am Ewoldtweg festmachen. Hansens Bilanz fällt immer wieder positiv aus: "Das Schöne an der Fischerei ist, du bist praktisch allein auf dem Wasser."
Rund 50 Kilo Flundern werden Hansen und Baltrock am Ende der Jagd um kurz nach sechs Uhr in die Reuse kippen. Quoten wie für den Dorsch, der pro Fischer auf 200 Kilo pro Monat begrenzt ist oder auf 350 Kilo pro Jahr beim Hering, gibt es bei den Flundern und den anderen unter dem Oberbegriff Butt laufenden Plattfische nicht.
Mit dem Anlanden und Verkaufen der Flundern ist der Job allerdings noch nicht getan. Jetzt bleiben noch drei Stunden Arbeit - Seesterne und Krebse aus den Netzen pulen. Der Job im Sonnenaufgang ist wohl doch nichts für Romantiker.

In der Sommerserie "24 Stunden Flensburg" begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt - jeweils für eine Stunde. Teil 4: Mit dem Fischer auf Förde-Fang.

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