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Kirchengeschichte : Der Flensburger Streit ums Abendmahl

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schauprozess im Kloster gegen den reformatorischen Laienprediger Melchior Hoffmann / Am Schluss stand die Forderung nach der Todesstrafe

Im Frühjahr des Jahres 1529 blickte die Welt der Theologie nach Flensburg: Hier fand in den Räumen des säkularisierten Franziskanerklosters ein öffentliches theologisches Streitgespräch statt, das als „Flensburger Disputation“ in die Kirchengeschichte eingegangen ist. Die Versammlung, die vom dänischen König Friedrich I., also der weltlichen Obrigkeit, einberufen worden war und an der über 400 Personen teilnahmen, darunter die bedeutendsten Geistlichen des Landes und Vertreter des Adels, ähnelte eher einem Tribunal oder Schauprozess mit dem reformatorischen Laienprediger und Täufer Melchior Hoffmann als Angeklagtem. Die Disputation am 8. April 1529 markierte nach Auffassung der Kirchengeschichte von heute einen Wendepunkt in der reformatorischen Entwicklung.

Thematischer Kernpunkt der Auseinandersetzung war die Auslegung der Abendmahlslehre, die von Hoffmann spiritualistisch interpretiert wurde. Teilnehmer der Disputation sahen in ihm einen Aufrührer und sprachen sich für die Todesstrafe durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen aus. Zwar wich er von seiner Position nicht ab, doch kam er mit dem Leben davon: Er wurde zur Strafe des Landes verwiesen und musste mit Frau und Kind fluchtartig, binnen weniger Tage, Schleswig-Holstein verlassen. Damit war der Bruch mit dem Wittenberger Reformator Martin Luther endgültig.

Melchior Hoffmann (in der Literatur auch Hofman oder Hoffman geschrieben) wurde um 1500 in Schwäbisch Hall als Sohn einfacher Eltern geboren und erlernte das Kürschnerhandwerk, mit dem er lange Zeit seinen Lebensunterhalt bestritt. Schon früh beschäftigte er sich mit den Schriften der Mystiker und mit Aspekten der reformatorischen Theologie. Er absolvierte keine theologische Ausbildung. Aber er besaß „viele natürliche Gaben“, wie in einer frühen Charakterisierung seiner Person hervorgehoben wird: Er hatte „einen scharfsinnigen Verstand, ein treues Gedächtniß, eine sehr lebhafte Einbildungskraft, die nur zu oft mit ihm davonrannte“, war zudem „unermüdlich in seinem Wirken und unerschrocken in allen Gefahren“. Ihm wird weiter attestiert, einen „streng sittlichen“ Lebenswandel geführt zu haben. Doch er sei nicht frei von Trotz und Eigensinnigkeit gewesen. Und: „Er konnte keinen Widerspruch ertragen und verliebte sich leicht in die Producte und Bilder seiner Phantasie.“


Anfänge der Reformation


Sein Lebensweg führte den gebürtigen Schwaben kreuz und quer durch Europa. Als freier lutherischer Sendbote und Volksmissionar wirkte er von 1523 an zunächst im Baltikum, dann in Schweden, wo ihm 1527 durch das Königshaus verboten wurde, öffentlich zu predigen. Außerdem wurde er des Landes verwiesen.

Daraufhin kam er auf Einladung von König Friedrich I. nach Schleswig-Holstein, wo in jener Zeit die Reformation noch in den Anfängen steckte. Ein Jahr zuvor hatte erstmals der Luther-Schüler und Diakon Marquard Schuldorp an der Nikolaikirche in Kiel gegen das Papsttum gepredigt und für die Ideen der Reformation geworben. Schuldorp, der aus einer einflussreichen Kieler Bürgerfamilie stammte, wurde vom Landesherrn zum ersten evangelischen Prediger am St.-Petri-Dom nach Schleswig berufen. Später sollte er zum heftigen Widersacher der Hoffmann‘schen Auslegung, namentlich der Abendmahlsfrage, werden.

Hoffmann hatte sich mit seiner Familie in Kiel niedergelassen, wo sich für ihn ein neues Bestätigungsfeld auftat. Dabei konnte er sich auf das vom dänischen König verbriefte Recht der freien Wortverkündigung berufen. Zwischendurch reiste er wiederholt nach Wittenberg, unter anderem um bei Martin Luther eine Bestätigung seiner Predigertätigkeit einzuholen. Später kühlte das Verhältnis zwischen dem Reformator und dem Laienprediger zunehmend ab und führte schließlich zum Zerwürfnis.


Beleidigte Honoratioren


Mit seinen apokalyptisch-enthusiastischen Predigten und Ankündigungen des jüngsten Tages sorgte er für Unruhe unter der Geistlichkeit und der Bevölkerung. Zudem fühlten sich Honoratioren von ihm beleidigt. Kontroversen über die lutherische Abendmahlslehre und ihre Auslegung führten dazu, dass die Atmosphäre weiter vergiftet wurde. Der lutherisch gesinnte König Friedrich I. ergriff die Initiative und beraumte zur Beilegung des innerprotestantischen Abendmahlstreits eine Disputation an. Das Streitgespräch wurde auf den 8. April 1529 im Franziskanerkloster („Grawen Closter“) terminiert, das 1528 im Zuge der Reformation von den Mönchen geräumt worden war.

Der König, der sich zu diesem Zeitpunkt auf der hoch über der Flensburger Altstadt gelegenen Duburg aufhielt, wohnte nicht selbst der Disputation bei, sondern ließ sich von seinem ältesten Sohn Kronprinz Christian vertreten, der den Vorsitz der Verhandlung führte, unterstützt vom Hofmeister des Königs, Johann Rantzau, und dem Reinbeker Propst Detlev Reventlov. Als Gutachter war der wortgewandte Johann Bugenhagen, ein enger Vertrauter und Weggefährte Luthers, aus Hamburg angereist. Er vertrat die lutherische Position der Realpräsenz Christi im Abendmahl, die von Hoffmann geleugnet wurde. Aufgeboten als Autoritäten des protestantischen Lagers wurden außerdem der Reformator Hermann Tast aus Husum, Nicolaus Boie aus Meldorf, der Erneuerer der Kirche in Dithmarschen, der Hamburger Reformator Stephan Kempe und der inzwischen in Schleswig als Domprediger amtierende Schuldorp. Melchior Hoffmann erhielt zumindest moralische Unterstützung von seinen theologischen Mitstreitern Johannes Amandi de Campis und Jacob Hegge, die ihn nach Flensburg begleitet hatten. Das Streitgespräch fand in der dicht besetzten Kirche des Klosters statt.


Streit vor großem Publikum


Dort waren den Adligen und Geistlichen Plätze reserviert. Eine große Menschenmenge, darunter auch Bürger und Bauern, füllte den übrigen Kirchenraum. Das Wort führte vor allem Hermann Tast. Christus habe Brot und Wein als sichtbare Zeichen gesetzt, von denen er lehre, sie seien tatsächlich sein Leib und Blut, erklärte er. Auf Nachfrage von Prinz Christian gestand Melchior Hoffmann: „Nein, ich gläub‘ es nit“, und lieferte folgende Begründung: „Das Brot, das wir empfangen, ist figurlich und sacramentlich der Leib Christi, nicht wahrhafftig.“ Beide Seiten beharrten auf ihren Standpunkten. Am nächsten Tag wurde das königliche Urteil gegen Hoffmann gesprochen: Landesverweisung. Auch seine beiden Anhänger mussten das Land verlassen.

Melchior Hoffmann zog über Ostfriesland nach Straßburg. Er entfernte sich immer weiter vom Luthertum und schloss sich der Täuferbewegung an. 1530 wurde er vom Rat der Stadt Straßburg als Ketzer verurteilt und blieb bis zu seinem Tode 1543 in Haft.

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