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Flensburger Tageblatt

12. Dezember 2017 | 09:58 Uhr

Der erste Sex-Shop der Welt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Beate Uhse begründete mit dem Laden in der Angelburger Straße 58 ihr Erotik-Imperium

shz.de von
erstellt am 07.Sep.2015 | 18:03 Uhr

Ob „Grande Dame der Erotik“ (Die Welt), „Liebesdienerin der Nation“ (Die Zeit), „Mutter der Erotik-Heimwerker“ (Süddeutsche Zeitung), „Schlummermutter der Republik“ (Der Spiegel) oder „Königin der Schamlosen“ (Bild) – die Zeitungen in Deutschland hatten ihr unzählige fantasievolle Beinamen verpasst. Beate Uhse war eine Frau der Superlative und eine mit cleveren Geschäftsideen: Sie war in der Vorkriegszeit Deutschlands einzige Stunt-Pilotin, das 1951 von ihr gegründete Versandhaus für Erotikprodukte machte sie zur erfolgreichsten Sexartikelversenderin der Welt – und zur größten örtlichen Steuerzahlerin. 1962 eröffnete sie den ersten Sexshop der Welt in Flensburg – einer Stadt, in der die erfolgreiche Unternehmerin seinerzeit immer noch auf gesellschaftliche Vorbehalte stieß. Über dem Schaufenster des Ladens in der Angelburger Straße ließ sie dezent den Schriftzug „Fachgeschäft für Ehehygiene“ anbringen.

Beate – auf dem väterlichen Gut in Ostpreußen aufgewachsen – hatte schon als kleines Mädchen davon geträumt, Pilotin zu werden. Und bereits mit 18 Jahren machte sie den Flugschein. Mit einer zweimotorigen Maschine flüchtete sie gegen Kriegsende 1945 aus dem eingeschlossenen Berlin gen Westen, landete im schleswig-holsteinischen Norden und stand vor dem Nichts.

Zunächst handelte sie mit Knöpfen und Kinderspielzeug. Mit der Produktion und dem Versand einer Aufklärungsbroschüre über Geburtenregelung mit dem geheimnisvollen Titel „Schrift X“ legte sie den Grundstein für einen Erotik-Konzern, der Weltruf erlangen sollte, und machte eine zweite bemerkenswerte Karriere als Geschäftsfrau. Das Unternehmen expandierte in rasantem Tempo. In kurzer Zeit war die Kundenkartei bereits auf 200  000 Namen angewachsen. „Wie die Jungfrau zum Kind war ich zu meinem Gewerbe gekommen“, schrieb sie später in ihrer Autobiografie „Mit Lust und Liebe – mein Leben“ und verwies auf ihren Mann, der sie anspornte: „Beate, das bauen wir aus.“

Beate Uhse war offen für neue Ideen und Anregungen, brachte sich stets auf den neusten Stand, „was mit Werbung, Management, Organisation und Betriebsführung zu tun hatte“. Dabei blickte sie mit besonderem Interesse in die USA und erkannte, „dass die großen, erfolgreichen Firmen immer auch Läden oder Ladenketten betreiben“. Dieses Geschäftskonzept wollte sie, so entschied sie, auch auf ihr Unternehmen übertragen, „ein mühsames Unterfangen“, wie sie rückschauend einräumte. Dazu ein Auszug aus ihrer Autobiografie: „Monatelang diskutierten wir in der Firma meine Pläne. Alle waren gegen meine Idee. Bis auf Hannes Baiko, unseren Werbemann. ,Mensch‘, meinten die anderen, mit denen ich sprach, ,das Versandgeschäft läuft doch gut. Aber in einem Laden werden uns die Leute empört die Schaufenster einschmeißen.‘ – ,Kommt darauf an‘, sagte ich. ,Ich mache auf, wenn die Leute friedlich sind – kurz vor Weihnachten.‘“

Musterbeispiele dafür, wie ein „Fachgeschäft für Ehehygiene“ einzurichten sei, gab es seinerzeit weit und breit nicht, „auch im liberalen Schweden und Dänemark nicht“, wo sich Beate Uhse umschaute. „In Kopenhagen existierten damals nur schmuddelige Verkaufsräume für Pornohefte.“

Sie mietete das Ladengeschäft im Hause Angelburger Straße 58. Bei dem zweigeschossigen Giebelhaus handelt es sich um ein historisches Gebäude mit wechselhafter Geschichte. Errichtet wurde es 1734 als Diakonat von St. Johannis; von 1865 bis 1902 diente es als Pastorat. In den 1960-er Jahren befanden sich in der Nachbarschaft eine Apotheke, ein Textilgeschäft, eine Bäckerei und der Laden eines Schlachters. So wollte Beate Uhse mit ihrem neuen Geschäft in dieser Umgebung möglichst seriös auftreten. Sie nannte es „Fachgeschäft für Ehehygiene“. Dass eine separate Tür in ihre „Fachbuchhandlung“ führte, war eine Konzession gegenüber den Behörden. Dieser kleine Laden war der weltweit erste Sex-Shop. Beate Uhse sprach in einer Unternehmenshistorie von einer „avantgardistischen Tat“.

Eröffnet wurde der erste Beate-Uhse-Laden am Montag, 17. Dezember 1962, in Anwesenheit zahlreicher Gäste, darunter Mitarbeiter des städtischen Bauamtes, der Industrie- und Handelskammer und Nachbarn. Eingeladen war auch die örtliche Presse. Doch Flensborg Avis und das Flensburger Tageblatt ignorierten diesen Termin offenbar bewusst; einzig die Südschleswigsche Heimatzeitung hatte einen Redaktionsmitarbeiter entsandt. Er lobte in seinem am nächsten Tag auf der Lokalseite erschienenen Bericht zunächst Einrichtung und Ausstattung der Geschäftsräume. Der moderne Stil strahle Sauberkeit aus, und die verarbeiteten edlen Hölzer bezeugten eine Solidität, „die den ratsuchenden Menschen durchaus Vertrauen zu schenken vermag“.

Wie die Heimatzeitung weiter berichtete, bestand der Laden in der Angelburger Straße aus drei Abteilungen: dem Buchhandel mit rund 200 Titeln an Aufklärungsliteratur (samt Antiquariat), dem Fachgeschäft für Hygiene-Artikel, „die dezent in Schaufächern angeboten werden, so daß der Kunde nur das Nummernschild der gewünschten Ware an das Kasse abzugeben braucht und sich mündliche Erklärungen seiner Kaufabsichten erübrigen“, und einem Beratungsraum „zur persönlichen Aussprache mit den erfahrenen Mitarbeitern des Versandhauses“. „Dieses Fachgeschäft ist eine notwendige Ergänzung unseres Versandhauses“, wurde Beate Uhse zitiert.

Für den Fall, dass der Versuch in Flensburg gelingen sollte, stellte die geschäftstüchtige Unternehmerin schon während der Eröffnung des ersten Geschäfts die Einrichtung weiterer Beate-Uhse-Läden in Aussicht. Als sie nach einem Jahr Bilanz zog, hatte sie trotz der distanzierten Haltung der Flensburger Bürger einen kleinen Gewinn erwirtschaftet. Und, so hielt sie fest, „es hatte nie Ärger gegeben“. Den zweiten Sex-Shop eröffnete sie in Hamburg. Dann folgten nach und nach in deutschen Großstädten oder besonderen Orten in Toplagen und in Fußgängerzonen weitere Läden, unter anderem in Frankfurt am Main, Nürnberg, Friedrichshafen, Saarbrücken, Düsseldorf, Westerland, Stuttgart, Köln und Hannover.

In Berlin führte Beate Uhse erstmals das System der Selbstbedienung ein, wodurch der Umsatz wesentlich stieg. Nach dem Fall der Mauer 1989 expandierte die Ladengruppe auch im Osten Deutschlands. Bald war Beate Uhse in zwölf Ländern mit nicht weniger als 270 Shops vertreten, „in denen man alles findet, was die Liebe noch schöner macht“, wie die Werbung versprach.

Die Firmengründerin zog sich 1992 weitgehend aus dem operativen Geschäft zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Aber ans Aufhören dachte sie nicht; denn Müßiggang war ihr fremd. Im Jahre 2001 starb die legendäre Erotik-Unternehmerin Beate Uhse, der das Haus der Geschichte in Bonn derzeit in der Sonderausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ einen gebührenden Platz einräumt.

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