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Flensburger Werftstrasse : Der erste Afghanistan-Rückkehrer

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Flensburger Rheinmetallwerk werden die Fuchs-Panzer der Bundeswehr nach zehn Jahren am Hindukusch generalüberholt

shz.de von
erstellt am 17.Feb.2014 | 08:01 Uhr

Es gab keinen großen Bahnhof für den prominenten Gast. Trotz zehnjährigen Einsatzes am Hindukusch. Er wurde einfach in die Instandsetzungshalle für militärische Radfahrzeuge gefahren – und da wird Flensburgs erster „Fuchs“ aus Afghanistan jetzt komplett zerlegt und rundum erneuert. Knapp vier Monate soll es dauern, dann ist der fast 30 Jahre alte sechsrädrige Transportpanzer für den nächsten Einsatz bereit – in der nächsten Krisenregion dieser Welt. Dann ist er durch erfahrene Mechanikerhände der 60-köpfigen Mannschaft der Firma Rheinmetall MAN Military Vehicles gegangen. Rheinmetall? Es hat sich in Flensburg bislang noch kaum herumgesprochen, dass der Düsseldorfer Konzern seit zwei Jahren das Sagen an der Werftstraße hat – jedenfalls auf jenem südlichen Abschnitt, vor dem früher die Flaggen von Fahrzeugwerken Nord (FWN) und MAN wehten.

„Im Moment sind wir in der Phase, in der das Material aus Afghanistan nach zehn Jahren zurückgeholt wird“, sagt Vertriebschef Marco Nöding. Das heißt, die knapp 100 in Afghanistan eingesetzten Panzer werden in den nächsten Wochen zurückkehren und in zwei Tranchen die Rheinmetall-Werke in Flensburg und Kassel erreichen.

Je 40 bis 50 Fahrzeuge kommen zur kompletten Modernisierung. Für Flensburg mit seinen 22 Montageplätzen bedeutet dies viele Monate Arbeit. Angesichts teilweise nicht mehr lieferbarer Ersatzteile und in der von Elektronik dominierten Kfz-Welt ein Job für Fachleute mit großer Erfahrung. „Know-how ist unsere Perle, hier geht es nicht in allererster Linie um Hightech“, erklärt Produktionschef Dirk Hentschel. Und Nöding ergänzt, dass man sich durch saubere Rückkehrer nicht blenden lassen dürfe. Mancher Defekt falle erst beim Zerlegen auf. „Waschen kann die Bundeswehr auch.“ Keramische Schutzelemente auf einer Glasfaserschicht sind zum Beispiel zersplittert. Hier muss eine viele Material- und Montagegänge umfassende Minenabwehr komplett neu aufgebaut werden. „Heutige Bedrohungssituationen richten sich gegen jedes Fahrzeug und jede Besatzung“, berichten Nöding und Hentschel. „Die Erfordernis, ein Lkw-Fahrerhaus zu schützen, gibt es erst seit zehn Jahren.“

Mit der Verkleinerung der Bundeswehr ist der Markt für Militärinstandsetzung seit den 90er Jahren stark geschrumpft. Von einst 350 Mitarbeitern sind heute gerade mal rund 60 geblieben. Der Flensburger Werkleiter Jörn Liesenberg geht davon aus, dass seine Mannschaft auch diesen Auftrag ohne zusätzliche Mitarbeiter wird abarbeiten können. Ohnehin hatte der Standort Flensburg vor zwei Jahren Glück bei der Neustrukturierung. Damals habe man die Entscheidung getroffen, das Geschäft von Nürnberg nach Flensburg zu verlagern: „Nürnberg hatte den Nachteil, dass durch die Mischung militärischer und ziviler Produktion nicht diese Sicherheitsstandards möglich waren“, erinnert sich Hentschel.

So kam es, dass Flensburgs erfahrene Belegschaft von diesem Geschäft profitierte: Dabei geht es nicht nur um komplette Fahrzeuge. Für den Kunden Bundeswehr sind gerade Triebwerke für 54 „Füchse“ verpackt worden – Motor, Automatikgetriebe, Belüftung und Elektronik, alles wieder wie neu. Spätestens dann, wenn die Teile oder Wagen aus der 15 Meter lange Lackierstraße kommen. In einer anderen Halle liegt eine Serie neuer Lkw-Achsen. Ein paar Meter weiter werden alte Radbremszylinder mit viel Know-how überarbeitet und in praktisch neuwertigen Zustand versetzt. Es ist nicht vor allem so, dass dies billiger wäre. Solche Teile gibt es auf dem Markt nirgendwo mehr.

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