Ralf David : Der Cowboy des Ordnungsamts nimmt seinen Hut

Die Gastronomie war sein Revier: Am 31. August verabschiedet sich Ralf David mit 65 Jahren offiziell in den Ruhestand. Foto: Dommasch
Die Gastronomie war sein Revier: Am 31. August verabschiedet sich Ralf David mit 65 Jahren offiziell in den Ruhestand. Foto: Dommasch

"Keinen einzigen Tag bereut": Flensburgs wohl kritischster Ordnungsamts-Mitarbeiter Ralf David geht in den Ruhestand. Er blickt nach fast 33 Jahren zufrieden zurück.

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29. August 2012, 11:02 Uhr

Flensburg | Er war "Johnny Controlletti", der Schrecken aller Gastronomen, ein gefürchteter Lebensmittelkontrolleur. Er wachte von Amts wegen über Lärm und Öffnungszeiten, über Werbeschilder, Toiletten und Besucherzahlen. Und fast jeder in der Szene kennt sein Gesicht.
Jetzt geht Ralf David in den Ruhestand. Mit den Worten: "Mir war es stets lieber zu kooperieren als zu kontrollieren." Nach über 32 Jahren beim Ordnungsamt habe er mit allen seinen Frieden gemacht.
Blumenstrauß per Taxi
Zum Beispiel mit Michael Reinhardt. Der hatte über Jahrzehnte mit dem 65-Jährigen zu tun. "Wir haben uns an vielen Punkten gerieben", sagt der Veranstalter, "und natürlich habe ich mich oft über ihn geärgert." Doch das ist Vergangenheit. "Alles vergeben und vergessen."
Am Freitag vorletzter Woche nahm David um Punkt 12 Uhr die Nautics ab. Seine letzte Amtshandlung. Am Abend klingelte sein Telefon. Reinhardt am Apparat. Er wollte ihn auf die Bühne bitten. "Eine Rede halten? Vor mindestens 1000 Leuten. Das war nichts für mich." David ließ sich nicht erweichen. Der Blumenstrauß zum Abschied kam eine Stunde später mit dem Taxi zu ihm ins Haus. "Ich war gerührt."
"Er stand immer wie ein Cowboy vor einem"
Der "Cowboy" geht. Den Begriff hat Finn Jensen, Chef von Flensburg Fjord Tourismus, einst geprägt. "Er stand immer in dieser Pose vor einem", beschreibt Jensen, "als wenn er gleich zwei Revolver ziehen wollte - wie Lucky Luke. Oder wie Ronaldo vor dem Freistoß." Viel habe er von ihm gelernt. Und am liebsten würde er weiter mit ihm zusammenarbeiten, von seiner Erfahrung profitieren. Ein Wunsch, mit dem er bei Ralf David auf offene Ohren stoßen dürfte.
Kaum jemand kennt sich in dem Geschäft so aus, wie der Mann, der 1965 als Verwaltungslehrling zur Stadt kam, später sein Staatsexamen als Lebensmittelkontrolleur machte und schließlich beim Ordnungsamt für den Bereich Gaststätten und Veranstaltungen zuständig war. Den Job hat er fast 33 Jahre gemacht - und die Geschichten, die er erzählen kann, umreißen ein Stück Stadtgeschichte.
"Musik aus, alles raus"
Es war nach einem verheerenden Feuer in einer Stockholmer Diskothek, als auch in Flensburg die Diskussion um Sicherheit und Begrenzung von Besucherzahlen aufbrandete. Ein Fall für Ralf David. Und ein Fall, mit dem er sich keine Freunde machte. "Da waren wir die Bösen." Egal ob Sasa, Mirage oder Grogkeller - alles wurde fein säuberlich vermessen und eine maximale Besucherzahl festgelegt. Ebenso standen die Notausgänge im Fokus. Es hagelte Bußgelder ohne Ende. David besuchte die Diskos ohne Voranmeldung, Feuerwehrleute im Schlepptau. "Musik aus, alles raus", hieß es dann. In einem Fall wurde eine Geldbuße von 10.000 D-Mark verhängt, weil der Dancefloor nach mehrfacher Verwarnung dreifach überbelegt war.
Nach einer Bombendrohung im damaligen Mirage, erinnert David, gab es eine Razzia mit der Polizei. "199 Gäste durften rein, 783 kamen raus." Der Mann vom Ordnungsamt hat alle Zahlen akribisch im Kopf abgespeichert. Das war das Ende des legendären Tanzschuppens. Vorläufiges Aus im Roxy an der Norderstraße, nachdem "wir dort volltrunkene Jugendliche mit dem Rettungswagen rausholen mussten". Filmreif das fluchtartige Abseilen eines Geschäftsführers mit gefüllter Kasse aus dem Fenster oder der Aufmarsch von 40 Polizisten in einer Kneipe, in denen das Flatrate-Trinken chaotische Zustände offenbarte. "Nach der Aktion war erstmal Feierabend."
Nach Ted Herold musste die Bürgerhalle neu gefliest werden
Unvergessen auch der Auftritt von Ted Herold im Rahmen des Rathausfestes. David holte den RocknRoller in einer Konzertpause vom Krypton für eine Kostprobe ins Rathaus. Der Strom fiel aus, Herold wurde im Dunkeln hineingeführt und angekündigt wie Elvis Presley. Der Spuk dauerte nur eine halbe Stunde, danach musste die Bürgerhalle neu gefliest werden.
Der Job hatte auch unappetitliche Seiten. Etwa, als David und seine Leute wegen unerträglichen Gestanks in ein Gourmet-Restaurant gerufen wurden. Man fand 500 Kilo vergammeltes Steakfleisch. Ungekühlt, kiloweise Camembert sorgte für eine zusätzliche Duftnote. In anderen Fällen habe containerweise verdorbenes Hackfleisch vernichtet werden müssen. "Die Hygiene in der Gastronomie war in vielen Fällen skandalös", konstatiert David. Er griff stets kompromisslos durch. Das brachte ihm den Ruf eines "harten Hundes" ein. "Ich weiß das wohl", sagt er, "doch dazu wurde ich dressiert."
Grönemeyer - "beste Veranstaltung, die wir je hatten"
Zu den schönsten Erlebnissen seiner Amtszeit gehörte der Auftritt von Herbert Grönemeyer auf der Exe. "Ein Heidenaufwand, den hierher zu holen. Er gebärdete sich wie der Papst." Im Schulterschluss mit dem damaligen OB Klaus Tscheuschner und Veranstalter Peter Thomsen stemmte man das Event schließlich. "Die beste Veranstaltung, die wir hier je hatten."
In wenigen Tagen wird Ralf David eine Abschiedsfeier geben. Zu diesem Zweck hat er ein Lokal an der Friesischen Straße angemietet. 60 Gäste werden erwartet. Ob das Lokal dafür eine Konzession besitzt, ist nicht bekannt.

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