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Hilfe im Advent erfolgreich : Der Anker der Abgehängten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn sonst keiner mehr hilft, springt der Flensburger Bürgerfonds für Menschen in Notlagen ein

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2016 | 08:09 Uhr

Die Hilfe im Advent ist dieses Jahr sowohl Hilfsaktion für Kinder und Familien als auch für ältere Menschen in Notlagen. Der Verein Schutzengel, der Kinderschutzbund, der Kinderhospizdienst beim Katharinen-Hospiz am Park und der Bürgerfonds „Flensburg hilft“ von Diakonischem Werk, Stadt und Tageblatt haben sich zum dritten Mal zusammengetan, um Menschen in Notlagen in Flensburg und Umgebung helfen zu können.

Jeder Sechste in der Stadt gehört dazu: 16 Prozent der Bundesbevölkerung beziehen nach einer UN-Studie einschließlich staatlicher Hilfeleistungen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens von monatlich 1065 Euro und existieren damit an der Armutsgrenze. Eine Zahl, die Thomas Nolte auch für Flensburg bestätigt. Der Diakoniepastor ist Jahr für Jahr Adressat von bis zu 260 Hilferufen aus der Sozialarbeit. Schon lange reicht es für viele Menschen in Flensburg nicht mehr zu einem menschenwürdigen Leben. Über den Bürgerfonds – 2011 von der Stadt, dem Kirchenkreis und dem Flensburger Tageblatt gegründet – kann Nolte in vielen Fällen viele Härten abfedern. 380  000 Euro Spendengelder wurden dafür seit Gründung des Fonds im Jahr 2011 eingesetzt.

Es sind Geschichten, die in einem reichen Land meist ausgeblendet werden. Geschichten von den im Sog des Rechtspopulismus der „Wutbürger“ plötzlich wieder modern gewordenen „kleinen Leuten“, die ein Leben lang gearbeitet haben und jetzt Armutsrenter sind. Wie jenes Flensburger Paar, das über Weihnachten die Enkelkinder aufnehmen muss und es eigentlich nicht kann. Weil die Rente so klein ist, dass es für die drei Mäuler nicht mehr reicht.

Oder die Frau (70), 43 Jahre gearbeitet, allein erziehend, zwei Kinder. Weil die Rente nicht reicht, arbeitet sie sonntags in einem Blumenladen. Von dem, was sie im Monat dort hinzuverdient, darf sie 20 Euro für sich behalten, erzählt Alexandra Kaiser von der Frauenberatungsstelle „Die Treppe“. Der Bürgerfonds nahm ihr eine quälende Entscheidung ab: Überfälliger Kauf einer dringend benötigten Winterjacke oder Weihnachtsgeschenke für die vier Enkel? Der Fonds half. Die Enkel freuen sich über Omas Geschenke, Oma freut sich über eine Winterjacke – und für den Erhalt von Würde, der schwierig, immer öfter unmöglich scheint am Boden des sehr grobmaschig gewordenen sozialen Netzes.

Thomas Nolte und sein Team sind froh, dass Flensburgs Bürger dieses Instrument zur Verfügung gestellt haben und Jahr für Jahr mit Spenden arbeitsfähig halten. Nolte schätzt die Flexibilität des Fonds, der es ihm erlaubt, während des ganzen Jahres schnell und unbürokratisch auf individuelle Notlagen zu reagieren. Er betont, dass der Fonds nur dort tätig wird, wo andere institutionelle Einrichtungen nicht mehr antreten. Etwa bei Obdachlosen, die auf der Platte um ihre Habseligkeiten gebracht wurden, besonders um den Ausweis, der Schlüssel ist zum Bezug von Leistungen. „Die Wiederbeschaffung kostet 60 Euro, Geld, das diese Menschen einfach nicht haben“, sagt Michaela Ketelsen vom Tagestreff. „Oft geht es auch um Brillen. Viele Leute sehen sehr schlecht, können amtlichen Schriftverkehr nicht bewältigen.“ Rolf Sommer von der Sozial- und Schuldnerberatung hat allein in diesem Jahr 40 Anträge eingereicht, von Geringverdienern, die beim Übergang in die Rente nicht wussten, dass die erste Rentenanweisung erst einen Monat nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben fällig wird. Nolte und sein diakonisches Team machen sich keine Illusionen: „Der Bedarf wird tendenziell eher wachsen.“ Auch Flensburgs Diakoniepastor verfolgt die aktuelle Diskussion um die „Abgehängten“ des globalen Wirtschaftens, hofft, dass Politik umsteuert. In der Praxis sind die Helfer täglich Zeugen dieses Abkopplungsprozesses. Eltern oder Alleinerziehende, deren Kinder von der Bildungsteilhabe weitgehend ausgeschlossen sind, Armutsrentner, die in ständiger Angst vor dem einen teuren unvorhergesehenen Ereignis leben, das sie finanziell an die Wand drücken wird, vermehrt auch Menschen, die deshalb in Depressionen abgeglitten sind. „Wir haben es mit vielen resignierten Menschen zu tun“, beobachtet Nolte. „Die haben ihre Ängste längst gefressen.“

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