Grenzerfahrung in Harrislee : Demokratie auf Dänisch

Eckhard Bodenstein: Überzeugt von dänischer Lebensart.
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Eckhard Bodenstein: Überzeugt von dänischer Lebensart.

Der in Hamburg geborene Wahldäne Eckhard Bodenstein referierte in der Alten Schule Niehuus

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19. Januar 2018, 06:00 Uhr

Das von dem in Hamburg gebürtigen Wahldänen Dr. Eckhard Bodenstein mitgebrachte Foto zeigt den deutsch-dänischen Grenzübergang. Allein die Symbolik der Flaggen spricht Bände: Auf dänischer Seite flattert der Dannebrog mittig erhöht über denen der skandinavischen Brudervölker. Die europäische Flagge fehlt. Ein Kasten an jedem Flaggenmast deutet darauf hin, dass die Flaggen vor Sonnenuntergang sorgfältig und „ohne den Boden zu berühren“ geborgen werden. Von diesem Geist ist auf deutscher Seite wenig zu spüren. Neben der europäischen und der schleswig-holsteinischen weht außen die deutsche Flagge. Tag und Nacht. Ein bisschen zerrupft sehen alle drei aus.

Interesse und Andrang waren groß. Über 70 Zuhörer drängten sich in das einstige Klassenzimmer der Alten Schule Niehuus, um dem Vortrag Bodensteins, einstiger Direktor einer Kopenhagener Privatschule und Akademischer Direktor der Universität Flensburg, „Demokratie auf Dänisch – Was machen unsere Nachbarn anders?“ zu lauschen. Von der Parteienvielfalt der traditionell an die zwölf Parteien, die die Zwei-Prozent-Hürde nehmen, bis zum Glücksindex, auf dem Dänemark weltweit ganz oben (Deutschland auf Platz 16) steht, waren die Worte Bodensteins ein einziges vehementes Plädoyer für unseren nördlichen Nachbarn, „ein kleines Land mit hoher Identifikationskraft und Leitkultur“.

Bodenstein nimmt mit auf einen Streifzug durch das große Spektrum dänischer Parteien, spricht über die Minderheitsregierung und den momentanen heißen Flirt der Sozialdemokraten mit der Dansk Folkeparti. „Alle sind per Du, außer am Rednerpult“. Es gebe keine Zwischenreden, keinen Applaus. Markant hoch sei die Wahlbeteiligung, bei Folketingwahlen 80 bis 90 Prozent. Die lediglich zwei Entscheidungsebenen von Kommunen und Ministerium beschleunigten und erleichterten Beschlüsse, etwa in der Justiz, „wo alles viel schneller und effektiver geht“. Gigantische Summen, etwa für Lehrergehälter, würden die Kommunen verteilen. Anders als in Deutschland gestalte sich auch das plebiszitäre Element. Volksabstimmungen werden eingesetzt, wo nationale Souveränität auf dem Spiel steht. Beispiele: Der Verkauf der unrentablen Kolonien in der Karibik an die USA 1916, das Nein zum Euro mit 53 Prozent im Jahr 2000. Laut Bodenstein habe Dänemark eine breiter gefasste Meinungsfreiheit (Auf dem Index Platz 4, wir landen auf Platz 16), eine größere Transparenz (Zeitungen berichten, wann welcher Politiker Sitzungen schwänzt). Seine Steuererklärung erfordere 25 Minuten.

Überhaupt: „Das Verhältnis zur EU ist ein kühles.“ Dänemark hat den Kitt nationaler Symbole, etwa die Flaggenverordnung, die auch beim Fußball keine deutsche Flagge im Land zulässt. Für die im Publikum deutlich strittigen Grenzkontrollen ist Bodenstein sehr dankbar: Sie resultierten aus dem ideologischen Überbau dänischer Leitkultur. Menschen, die aus Ländern kommen, in denen keine Pressefreiheit, Intransparenz und Korruption herrschen, seien nicht willkommen.

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