Tarp : Dem Schicksal getrotzt

Herbert Otruba mit den Gerätschaften, mit denen seine Beine in täglicher Quälerei wieder gerichtet und gedehnt werden.
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Herbert Otruba mit den Gerätschaften, mit denen seine Beine in täglicher Quälerei wieder gerichtet und gedehnt werden.

Nach einem Hirnturmor kämpft sich Herbert Otruba aus Tarp zurück ins Leben.

shz.de von
09. Januar 2018, 13:41 Uhr

Herbert Otruba, in Tarp besser bekannt als Herbert O., ist ein Kämpfer. Ein sehr großer Kämpfer sogar. In den Nachkriegswirren von seinen Eltern getrennt, wuchs er zunächst bei einer Tante auf und fand seine Familie erst Jahre später wieder. Im Alter von 33 Jahren musste er nach einer Hirnoperation das Laufen und Sprechen vollkommen neu erlernen. Doch Herbert Otruba ließ sich nicht kleinkriegen, mit großer Willenskraft trotzte er den persönlichen Schicksalsschlägen und rappelte sich wieder auf.

Herbert Otruba wurde 1943 in Brünn in der Tschechoslowakei geboren. Seine Eltern lebten als Aussiedler im damaligen deutschen Protektorat Böhmen und Mähren. 1945 erfolgte die Vertreibung der Eltern. Der zweijährige Herbert lag zu dieser Zeit mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus, er hätte die Flucht nicht überlebt. Es erwies sich als Glücksfall, dass eine Tante mit einem Tschechen verheiratet war. Sie durfte bleiben und Herbert auch. Er blieb bis zum siebten Lebensjahr bei ihr. Mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes wurde später eine andere Tante in Baden-Württemberg ausfindig gemacht, von der nun aufgenommen wurde. „Ich kam dann dort zur Schule, konnte allerdings kein Wort Deutsch“, erinnert sich Otruba.

Zwei Jahre später erfolgte die Familienzusammenführung mit seinen Eltern, die in Esslingen in Baden-Württemberg lebten. Otruba erlernte den Beruf des Messwerktechnikers, stellte Schieblehren und Feinmesswerkzeug her. 1963 meldete er sich zur Bundesmarine, fliegende Sparte. Gerne wollte er als Pilot selbst fliegen, bestand die Tests jedoch nicht. Stattdessen wurde er Flugsicherungskontrolloffizier beim Marinefliegergeschwader 2 in Tarp/Eggebek und auch teilweise MFG 1 in Kropp/Jagel.

Dann kam der 15. Februar 1976 – der Schicksalstag für Herbert Otruba. „Danach begann für mich ein anderes Leben“, sagte der bis dahin sehr gute und überaus ehrgeizige Sportler, bei dem es im Leben bisher immer vor- und aufwärts gegangen war. An dem Tag war er Schlittschuh auf dem Sankelmarker See gelaufen, wollte anschließend am Haus etwas erledigen, als er plötzlich unerträgliche Kopfschmerzen bekam. „Kurz darauf bin ich ohnmächtig geworden“, damit endet Otrubas Erinnerung. Was in den nächsten drei Monaten folgte, liegt für ihn im Dunkeln. In dieser Zeit wurde er drei Mal operiert, um einen hühnerei-großen Hirntumor zu entfernen.

Die Folgen der Operationen waren gravierende Ausfallerscheinungen mit Lähmungen und zeitweiser Blindheit. Otruba war kaum in der Lage zu gehen. Ältere Tarper erinnern sich, wie Otruba unter größten Anstrengungen durch den Ort wankte, jede Bank zum Ausruhen nutzte und sich an Hauswänden abstützen musste – aber auch am öffentlichen Leben teilnahm.

In der folgenden fünfjährigen Reha-Leidenszeit musste er alles neu erlernen: laufen, sprechen, lesen und schreiben. Auch folgte ein langer Kampf durch alle Instanzen mit dem Arbeitgeber Bundeswehr. „Hier gab es große Unterstützer – aber auch Knüppel-zwischen-die-Beine-Werfer“, sagt Otruba mit 40 Jahren Abstand. Immer unterstützt und zu ihm gehalten hat seine Ehefrau Renate, mit der er vor Kurzem Goldene Hochzeit feiern konnte. „Aber auch die Ärzte vom Fliegerarzt bis zu den Fachärzten haben mir sehr geholfen. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich vor die Hunde gegangen.“

Trotz seiner Behinderung hat Otruba nie seinen Humor verloren. Er hat den Schalk im Nacken und hat „immer Blödsinn im Kopf“, wie er es selbst beschreibt. Seine Auftritte mit einer Schleudertrompete, einem Stück Schlauch mit Mundstück mit dem sich interessante Töne erzeugen lassen, sind im Ort legendär. Er ist sportlich überaus aktiv, leitet selbst zwei Reha-Sportgruppen im TSV Tarp. Und auch in der Dienstags-Männerausgleichssportgruppe ist er aktiv und wenn der Sportlehrer Peter Doose verhindert ist, leitet er diese Sportstunde. In den seltenen Momenten, in denen es in Tarp Neuschnee gibt, schnallt sich der Sportbegeisterte seine Langlaufski an und zieht los. In jedem Jahr nimmt er an einer Ski-Freizeit des Deutschen Behindertensportverband im Harz teil. Wenn jemand in Tarp Otruba sucht, „dann findet er mich meistens im Kraftraum“, sagt er mit dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln.

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