Kultur in Flensburg : Das Unaussprechliche in Bildern

Dietmar Höhne, Facharzt für Psychotherapie und Künstler in seinem Atelier.
Dietmar Höhne, Facharzt für Psychotherapie und Künstler in seinem Atelier.

Therapeut und Künstler: Dietmar Höhne erfüllt sich mit seinem „Flatelier“ in der Norderstraße einen Traum

shz.de von
14. März 2018, 08:41 Uhr

„Flatelier“ steht in Stein gemeißelt auf der Türschwelle. Der Name ist eine Wortschöpfung aus Flensburg und Atelier. „Damit habe ich mir einen Traum erfüllt“, sagt Dietmar Höhne. Seit einem Jahr ist der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit seinem ungewöhnlichen Atelier und künstlerischem Arbeitsplatz in der Norderstraße 51 in Nachbarschaft zur Dansk Centralbibliothek ansässig. „Ich fühle mich mit der Stadt, besonders der Norderstraße verbunden“, sagt der jung gebliebene 77-Jährige, der in eigener Praxis tätig ist. Allein die hängenden Schuhe zeigten: „Hier in der Norderstraße tut sich was. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein.“

Höhne nennt sein Atelier einen Kunstraum. Seine Werke sind für ihn Einladung zum Gespräch. Schwerpunkt seiner Arbeit sind großformatige Collagen. Auch Fotos. „Sie sind eine Annäherung und inhaltliche Auseinandersetzung an und mit der historischen Wirklichkeit, Dialog, Denkanstoß und mitfühlende Anteilnahme“, erklärt Höhne, der neben Medizin auch Philosophie studiert hat. Ins Auge springt eine Collage in Schwarz-Weiß, die unter der zynischen Überschrift „Survival of the fittest“ KZ-Häftlinge in gestreifter Häftlingskleidung neben Männer in modischen Streifenanzügen stellt. Die Arbeit zeigt, wie sehr Höhne die Welt aus tiefenpsychologischer Sicht sieht, gesellschaftlich Verdrängtem nachspürt: „Mir war aufgefallen, dass 60 Jahre nach dem Krieg Streifenanzüge inflationär in Mode kamen“, sagt Höhne: „Als ob die verdrängte kollektive Schuld in neuer Erscheinung offensichtlich wird.“

Andere Collagen thematisieren den Kontrast Kreuzfahrtschiffe und überfüllte Flüchtlingsboote, Aids, Guantanamo, den Afghanistan-Einsatz, das Bild einer in einem Eisklotz eingefrorenen Puppe das „Social Freezing“ (Einfrieren von Eizellen). Auch den „weinenden“ Brösel-Beton des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Immer sind es aktuelle, brisante Themen. Die Motive der großformatigen Fotos spielen mit Spannungen, verströmen Erwartung auf etwas Unbekanntes. Höhne fotografiert seit frühester Jugend. „Ich gehe nicht auf die Suche. Situationen sprechen mich intuitiv an.“ Nichts werde bearbeitet.

Mit seinen Arbeiten will Höhne das Unaussprechliche transportieren, über die Grenzen des Sagbaren hinaus. Im Gespräch wird spürbar, wie engagiert Höhne die Welt wahrnimmt: „Gewalt, religiöser Dogmatismus, Unfreiheit, Angst und Misstrauen prägen die politische Situation an vielen Orten der Welt und das Verhältnis der Menschen untereinander.“ Persönlicher und Staatsterror reichten sich die Hand. Der grenzenlose technische und wissenschaftliche Größenwahn zerstöre die Welt, davon ist Höhne überzeugt. Trotzdem: Aus seinen Bildern spricht keine pessimistische Weltsicht. Eher Engagement. Darum das Flatelier, als Anregung zum bewussten Hinsehen, als Basis für geistigen Austausch. „Meine tiefe innere Sehnsucht ist Versöhnung und Friedensarbeit“, betont Höhne mit Wärme. „Bereichernd ist es, wenn ich gleichstimmige Wahrnehmungen in Gesprächen erlebe.“ In der Regel arbeitet Höhne an den Wochenenden in seinem Flatelier. Unter Telefon 1682202 sind auch Absprachen für Besuche möglich. www.otto-uomo.de

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